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Mai 2022

Die Rote Nacht Die Rote Nacht (Erik van Schoor, Kult Comics 2022, 304 S., HC, mehrfarbig)
Nach etwa fünfzig Seiten dieses seitenstarken Comicbuchs fühlt man sich in einen spannenden Edgar-Wallace-Krimi versetzt: ein großes, gruseliges Haus mit Gräfin, Geheimraum und verdächtigem Diener, eine Gruppe merkwürdiger Gäste, die etwas im Schilde zu führen scheinen, eine mächtige, mordende Gestalt und Gefahr im Dunkeln und ... ein besonders mutiger und fähiger Kriminalkommissar. Der heißt in diesem Fall Robert Hanfeld und kommt nicht von Scotland Yard, sondern von der Schattendivision. Als solcher ist er auf der Suche nach der verschwundenen Marla Bernstein, der Schwester seines getöteten Kollegen. – Angesiedelt in einer düsteren Zeit vor unserer Zeit setzt die Erzählung das Übel von Rassismus und Vorurteilen in filmisch angelegte Bilderfolgen. Im Nachwort erklärt der Autor, dass die Story auch tatsächlich hätte ein Film werden sollen, die seine Begeisterung für Filme wie "Der grüne Bogenschützen" oder "Die blaue Hand" erkennen lässt. Die für die Handlung wichtige Einbeziehung fingierter "Protokolle" lässt auch an Will Eisners Comic "Das Komplott" als Inspirationsquelle denken. Zeit zum Zeichnen des Buches nahm sich Erik van Schoor anfangs in den frühen Morgenstunden, bevor er zur Arbeit ging. Doch während der Corona-Pandemie musste er zu Hause bleiben. Das war eine erzwungene aber auch glückliche Gelegenheit, vier Monate lang ganztags an seinem Comic arbeiten und ihn dadurch fertigstellen zu können. (adi)
 
Goofy - 90 Jahre Chaos Goofy - 90 Jahre Chaos (Guido Martina/Luca Boschi/Paul Murry/Peter Härdtfeld et al., Egmont 2022, 176 S., HC, farbig)
Dieses Jubiläumsbuch und andere Quellen wie duckfilm.de geben das Jahr für Goofys erstes Auftreten mit 1932 an, als er im Zeichentrickfilm "Mickey's Revue" als älterer, bärtiger Zuschauer den Auftritt von Mickeys Revue-Theater mit seinem störend-lauten, wiehernden Lachen begleitet. An anderen Stellen wird aber auch ein Kurzfilm von 1929 mit dem Titel "Dippy Dawg" (Goofys ursprünglicher Name) erwähnt. Wie auch immer, den Comicaficionado wird das erste Auftreten von Goofy in einem richtigen Comic interessieren und der wird übereinstimmend mit 1934 angegeben, als Floyd Gottfredson ihn in einem Micky-Zeitungsstrip zeichnete. Doch so alte Erzählungen sind zur Feier seines 90-jährigen Bestehens in diesem Band nicht anzutreffen (anders als in "85 Jahre Micky Maus" von 2014), sondern es sind unserer Zeit gemäßere Beiträge aus den Jahren 1951 bis 2007. Darunter befindet sich mit Mickys und Goofys Fall ins Nebelloch zu den "Wächtern der Zeit" ein märchenhafter, lesenswerter Klassiker. Eine Erinnerung an die bildungsreiche Literatur-Serie "Das große Goofy Album" fehlt, aber immerhin geht Goofy als "Hergooles" vor Klarabella in die Knie. Selbstverständlich ist im Buch eine Story von Supergoof samt Zaubernuss zu finden. Unser Superheld bemerkt nicht, dass sein eigenes Tun die Ursache seiner Notfalleinsätze wird. Doch wen kümmert das, wenn dank Goofy am Ende alles gut ausgeht. (adi)
 
Sea Shepherd 1: Milagro Sea Shepherd 1: Milagro (Guillaume Mazurage, Egmont 2022, 56 S., HC, farbig)
Dem Artenschutz stellt sich Unwissen und Armut in den Weg. Der Glaube an irgendeinen medizinischen Nutzen führt zum Beispiel dazu, dass Nashörner und Tiger gewildert werden. China erlaubt mit Verweis auf "Traditionen" seit einigen Jahren sogar wieder den Handel mit Nashornmehl und Tigerknochen. Die Färöer bestehen auf ihrem "traditionellen", die Japaner auf ihrem "wissenschaftlichen" Walfang. Auch indirekt führt der Glaube an irgendwelche Wundermittel und an den Wert von Althergebrachtem zur Ausrottung von Tierarten. Zu diesen Tieren gehören die Vaquitas: Weil die getrocknete Schwimmblase des Totoaba, eines Umberfisches, in Hongkong pro Kilogramm einen Preis von bis zu 25.000 Dollar erzielt, wie Guillaume Mazurie in diesem Comic erklärt, werden diese Fische von Wilderern in großen Mengen gefangen. In ihren Netzen bleiben aber auch Vaquitas hängen, kalifornische Schweinswale, die zu den bedrohtesten Säugetieren der Welt zählen, und in den Netzen ertrinken. Auch der Totoaba selbst ist durch die Wildfischerei vom Aussterben bedroht. Gegen die Wilderer geht die Organisation Sea Shepherd mit drei Schiffen vor. Guillaume Mazurie war an Bord eines dieser Schiffe und schildert in dieser gut gemachten Comic-Dokumentation dessen abenteuerlichen Einsatz zur Erhaltung der Artenvielfalt im Golf von Kalifornien. (adi)
 
Buffy 5: Das böseste Böse Buffy (2020) 5: Das böseste Böse (Jordie Bellaire/Jeremy Lambert/Andrés Genolet/Ramon Bachs et al., Panini 2022, 112 S., SC, farbig)
Zur Erinnerung: Xander gehört in dieser Neufassung der Buffy-Saga zu den Bösen. Als solcher hält er Jenny Calendar gefangen, die Freundin von Rupert Giles, Buffys Wächter. Ja, Jenny lebt. In dieser Erzählwelt hat kein Angel sie getötet, nur ihre Hände sind verletzt, Willow hat sich magisch eingemischt. Die neue Buffy-Serie ist erfrischend anders, wie schon bei der Vorstellung von Band 4 ausgeführt. Außer um Jennys Schicksal geht es in diesem fünften Band noch um ganz andere Merkwürdigkeiten. Der Rat der Wächter hat nämlich auf zwei außergewöhnliche Situationen zu reagieren, zunächst darauf, dass durch das unerwartete Überleben der beiden Jägerinnen Buffy und Kendra nun auch noch eine dritte Jägerin, Faith Lehane, aktiv wurde. Der Rat teilt ihr Wesley Wyndam-Pryce mit seinem Begleitgeist Ethan als Wächter zu. Und dann beschäftigen den Rat die Morde an drei Wächtern in einem Jahr. Wer steckt dahinter? Sind Wesley oder Rupert in Gefahr? Wie bei jedem spannenden Buffy-Comic erwartet den Lesenden am Ende ein überraschender Cliffhanger. (adi)
 
Who's the Scatman Who's the Scatman? (Jeff Chi, Zwerchfell 2022, 248 S., SC, farbig)
Gelegentlich hat man wohl schon gehört, dass für stotternde Menschen die Musik eine Hilfe für den Redefluss biete. Hin und wieder werden zum Beispiel Formen des Gesangs als nützlich beschrieben. Auf welche Weise die Musik nun aber für John Paul Larkin wichtig wird, der als jüngerer Mensch sehr unter seinem Stottern leidet, das jedoch zu seinem Vorteil ändern kann, so dass er später erfolgreich als "Scatman John" auftritt, das beschreibt Jeff Chi in den fünf Kapiteln der vorliegenden Graphic Novel. Jedes Kapitel gibt einfühlsam einen Lebensabschnitt des Musikers wieder. In besonderer Erinnerung bleibt das zweite Kapitel, in welchem Scatman John sich im Alter von etwa 45 Jahren aufrappelt, sein Leben und seine Alkoholsucht mit Unterstützung durch eine Selbsthilfegruppe in den Griff zu bekommen. Dort lernt er eine Frau kennen, die ihm auf dem Weg zurück auf die Musikbühne beisteht. Mit weiteren Eindrücken von Scatman Johns Auftreten in einer TV-Show und von seinem ermutigenden und sorgenvollen Umgang mit einer jugendlichen Stotterin gelingt dem Autoren mehr als nur eine einfache Künstlerbiographie. Es liest sich auch als Ermunterung, sich nicht unterkriegen zu lassen. (adi)
 
Batman: Schwarz und weiß 3 Batman: Schwarz und weiß 3 (Jorge Jiménez/Sophie Campbell/Mitch Gerads/Emma Rios/Gabriel Hardman et al., Panini 2022, 288 S., SC, schwarzweiß)
Das Vorwort dieser Anthologie erklärt zum Teil deren Zweck: Sie sei ein "Schaukasten für die besten zeitgenössischen KünstlerInnen [...], die alle danach streben, die perfekte Batman-Kurzgeschichte zu erschaffen", und alles in Schwarzweiß. Über sechzig KünstlerInnen versuchen diesem Anspruch gerecht zu werden. Dass man Batman, den "dunklen Ritter", grafisch in eine schwarzweiße Umgebung setzt, ist fraglos stimmig. Die Vielfalt reicht hier von kleinteiligem Einfärben der Zeichenfläche, als ginge es darum, an das Irre eines Ausschnitts der Mandelbrot-Menge zu erinnern, über großflächigere Gestaltungen wie bei Sophie Campbells "Alle Katzen sind grau" bis zu fotorealistisch wirkenden Szenerien in Mitch Gerads "Der ungerechte Richter" oder dem gekonnten Rasterfolien-, Spritzer- und Kratzereinsatz von Gabriel Hardman in "The Spill". Da gibt es viel zu sehen. Auch im Erzählerischen bietet das dicke Buch kein Einerlei. Als veritable Kurzgeschichte mit Clou fällt "A Father and Son Outing" von Jorge Jiménez auf. Aber es gibt auch Beiträge, die mit klassischem Superhelden-Geschwurbel wie "Ich greife nach Erinnerungen, die sie lieber durch knorrige Zweige schlüpfen sähen." oder "Meine Haut schrumpelt unter unvergleichlicher Schwere." oder "Und während er sich durch die Adern von Gotham schwingt, versinkt sein Verstand" eher ein Befindlichkeitgemälde mit wenig Story liefern. Dieser dritte Band der Batman-Schwarzweißreihe ist bezüglich grafischer und kurzgeschichtlicher Möglichkeiten wirklich ein reichhaltiger Schaukasten. (adi)
 
Nami und das Meer Nami und das Meer (Catherine Meurisse, Carlsen 2022, 120 S., HC, farbig)
Die Ursachen für ihre Liebe zur Natur machte Catherine Meurisse vor etwa vier Jahren im Band "Weites Land" deutlich, in dem sie die westfranzösische Landschaft abbildete. 2018 erhielt sie die Möglichkeit, nun die japanische Natur (und Kultur) bei einem Aufenthalt in der Villa Kujoyama zu studieren. An dieser französisch-japanischen Künstlerresidenz in Kyoto arbeiteten vor Meurisse bereits Emmanuel Guibert und Nicolas de Crécy und nach ihr Cyril Pedrosa, wohlbekannte Vertreter des französischen Comic. (NB: In Kyoto, einer Stadt mit Manga-Museum, steht auch die Villa Kamogawa, eine Künstlerresidenz des Goethe-Instituts; aber unter den Stipendiaten sind bisher keine Comiczeichner.) Catherine Meurisse bringt in ihre Beschreibung der Besonderheiten der japanischen Natur rund um Kyoto Figuren ein, die ratgebend neben ihr auftreten: ein älterer Maler, der nicht malt, sondern auf einen Einfall wartet, ein Tanuki, ein Marderhund, der in japanischen Fabeln eine wichtige Rolle spielt, und Nami, eine Frau, die aufkommende Naturgewalten spürt und symbolisch als Verbindung zur Natur gelesen werden kann und als solche natürlich das Titelbild überspannt. Meurisse fügt in ihre humorvoll wiedergegebenen Erlebnisse, in der sie die Figuren mit dem ihr typischen karikierenden Strich darstellt, prachtvolle Landschaftsbilder ein. So erlaubt das Buch einen eindrucksvollen Blick in eine entfernte Welt, zu deren Naturverbundenheit auch der Umgang mit Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüchen gehört. "Die Natur hier fasziniert mich", sagt Meurisse. "Welche Natur?", fragt Nami, "Die, die verschwindet oder die, die grollt?" (adi)
 
Lady Killer Lady Killer – Deluxe Gesamtausgabe (Joëlle Jones/Jamie S. Rich, Panini 2022, 288 S., HC, farbig)
Seit fünfzehn Jahren arbeitet Josie Schuller "nebenbei" als Killerin für eine Agentur, bei der man Morde in Auftrag geben kann: Erben lassen ihre Erbtanten vorzeitig beseitigen, Gangster lassen einen unliebsamen Unterweltboss ausschalten oder Betroffene lassen an ihnen begangene Untaten rächen. Aber nach außen hin ist Josie die brave Hausfrau, die Ehemann Gene, ihre zwei Kinder und die Schwiegermutter, Mutter Schuller, mustergültig versorgt. Es müssen die Lust am Töten, am blutigen Zweikampf, am täuschenden Schauspielern und wohl auch das Geld sein, das die grünäugige Josie so lange für die Killer-Agentur arbeiten ließ. Doch eines Tages hält deren Boss Stenholm die Zeit für gekommen, Josie für immer aus dem Verkehr zu ziehen, bevor sie unzuverlässig wird und die Agentur in Gefahr bringt. – Die Erzählung gewinnt ihren anhaltenden Reiz aus dem Umstand, dass man von einer Frauenfigur wie Josie eine messermordende Tätigkeit nicht erwartet. Chelsea Cain bringt das im Vorwort des soliden Bandes auf den Punkt: "Blutvergießen ist offenbar nicht ladylike". Josies Abneigung gegenüber Schusswaffen, ihre familiäre Ordnungsliebe, ihr adrettes Auftreten schaffen eine seltsame Sympathie für eine Kriminelle, die so nicht sein darf, vergleichbar mit der Sympathie für einen eigentlich ganz netten Chemielehrer, der Crystal Meth kocht. (adi)
 
Superman: Rot und blau Superman: Rot und blau (Jill Thompson/Duncan Rouleau/Laura Braga/Francis Manapul et al., Panini 2022, 276 S., SC, farbig)
Es klingt nach einer Aufgabe aus einem Comic-Hochschulkurs, wenn alle Studierenden als Semesterarbeit eine kurze Superman-Geschichte in den Farben rot und blau abliefern sollen. Gespannt erwartet man also Einfälle, die sich um diese Farbvorgabe drehen. Einige der immerhin dreißig Beiträge dieser Anthologie gehen darauf auch ein: Dan Watters und Dani stellen in "Menschliche Farben" den Wert von Farbigkeit heraus, bei Francis Manapul prallen in "Zukunftsaussicht" die Farben rot und blau sinngebend aufeinander (der Mars als roter Planet, das blaue Kryptonit usf.), bei Jill Thompsons Zeichentechnik bemerkt man kaum, dass da angeblich eine Grundfarbe fehlt. Erzählerisch bewegen sich die dreißig Kurzgeschichten zwischen amüsanten Anekdoten aus Supermans Früh- und Arbeitsleben einerseits und der Darstellung kitschiger Allgemeinplätze andererseits. Anders als bei der Farbgebung geht es im Zeichnerischen klassisch und gekonnt zu. Laura Braga sticht mit "Deadline" aus der Zeichnerriege hervor, Duncan Rouleau zeigt in "Das Eigene" seinen ausdrucksstarken Strich, Berat Pekmezci schildert mit feinen Linien die Erlebnisse der "Retter in der Not" und Ibrahim Moustafa gibt in "Die Farm der Familie Kent" den Figuren Lebendigkeit und dem kleinen Superman seinen dringend nötigen, niedlichen Hund. (adi)
 


April 2022

Catwoman: Lonely CIty 1 Catwoman: Lonely City 1 (Cliff Chiang, Panini 2022, 108 S., HC, farbig)
Die alten Knochen wollen nicht mehr so recht. Nach zehn Jahren Knast steht Selina Kyle, alias Catwoman, vor dem Problem, dass sich ihre Kasse nicht mehr so einfach durch ihr vormals leises, katzenhaftes, akrobatisches Können auffüllen lässt. Ihr Tritt ist nicht mehr sicher, der Rücken schmerzt, die Kraft für Klimmzüge schwindet, ihre Knie geben nach. Immerhin ist ihr von den früheren Diebeszügen das Gebäude mit ihrer Wohnung geblieben, aber ihr Geld wurde vom Staat eingezogen. Wenn man als ruhmreiche Meisterdiebin allein nicht mehr klarkommt, muss man sich nach Partnern umsehen. Sie trifft zunächst auf Barbara Gordon (Batgirl), die für das Amt der Bürgermeisterin kandidiert, und dann auf Waylon Jones (Killer Croc). Killer Croc zieht gleich bei ihr ein. Nach und nach gelingt es Catwoman, eine Gruppe aus altbekannten und alt gewordenen KollegInnen mit dem Ziel zusammenzubringen, sich nach dem Tod von Bruce Wayne (Batman) in der gut abgeriegelten Bathöhle nach Wertgegenständen umsehen zu können. So ein Batmobil ist sicherlich ein Haufen Gothamgeld (G-Geld) wert. Außerdem hat der sterbende Batman ihr etwas von Orpheus geflüstert, vielleicht ein Hinweis auf die Unterwelt? – Als Rückblick auf das Batman-Universum wirkt das lesefreundliche, albumgroße und erste Buch der Erzählung zwar dem Lebensalter der Figuren entsprechend wie für älter gewordenes Publikum gemacht, das sogar den Wehwehchen der 55-jährigen Catwoman nachspüren kann und eine rundlich gewordene Pamela Lillian Isley (Poison Ivy) für ihr Alter ganz normal findet, aber zu gleichen Teilen mag es als Einstieg in das Batman-Universum nach der Nacht der Narren und durch seine dystopischen Anklänge auch für junge und fitte LeserInnen lehrreich und erfrischend ungewöhnlich sein. (adi)
 
Brian Bones 1: Roadmaster Brian Bones 1: Roadmaster (Rodolphe/Georges van Linthout, Kult Comics 2022, 48 S., HC, farbig)
Dieser neue und nahezu klassische Detektivcomic, in dem Brian Bones als Versicherungsdetektiv an der US-amerikanischen Westküste seiner Arbeit nachgeht, verfolgt einen anderen Ansatz, als die in der Jetztzeit angesiedelten modernen Serien wie "Karmela Krimm", "Caroline Baldwin" oder "Jackie Kottwitz". "Brian Bones" spielt in den 1950er bis 1960er Jahren, als man noch mit Autos wie dem Buick Roadmaster mit seinem breiten Haifischmaul und über 150 PS über einsame Landstraßen kreuzte und junge Frauen als "Kleine" oder "Süße" ansprach. Mit der Darstellung alter Autos, im ersten Album ist es wohl das Buick Roadmaster 76R Riviera Hardtop-Coupé von 1951/52, im zweiten soll es dem Titelbild nach ein Cadillac Eldorado, im dritten ein Chevrolet Corvette von 1957 und im vierten ein Citroën DS 19 sein, erschöpft sich der Gehalt der Alben aber nicht. Die Autos bilden fast nur das authentische Dekor für eine rätselhafte Geschichte: Brian Bones fährt (mit seinem flotten Alfa Romeo) zu einer Unfallstelle, die die Versicherung bisher viel Geld gekostet hat. Mit Hilfe seines indianischen Freundes Flint, der sowohl eine Autowerkstatt betreibt als auch Schamane ist, geht Brian dem Spuk, dass immer nur Buick Roadmaster verunfallen, auf den erstaunlichen Grund. (adi)
 
DC Celebration: Wonder Woman DC Celebration: Wonder Woman (Becky Cloonan/Mark Waid/Stephanie Phillips et al., Panini 2022, 112 S., HC, farbig)
Wie schon der Celebration-Band zu Green Arrow bietet auch der Band zur Feier von 80 Jahren "Wonder Woman" einen Strauß abwechslungsreicher Einfälle, die uns die superheldenhaften Taten der Amazonenprinzessin Diana von Themyscira in Erinnerung rufen. Zehn Geschichten à etwa zehn Seiten erwarten den Leser. Am Beginn steht ein von Jim Cheung gezeichneter, eher trauriger Rückblick auf Diana durch Steve Trevor, dem Piloten, mit dem sie je nach Storyline mehr oder weniger eine Liebesbeziehung führte oder führt, und ihre Freundin Etta Candy. Die Zeichnerin Amy Reeder setzt in der dritten Geschichte die Solidarität unter Frauen ins Bild, um Wonder Woman von einem Elektromagneten zu befreien. Mit dem Lasso der Wahrheit löst Wonder Woman mit Kollegen der Justice League in einer Story von Mark Waid drei üble Dämonen in Luft auf, bevor sie sich selbst mit dem Wahrheitslasso befragt. Mit der Wahrheit nimmt es Wonder Woman bekanntlich genau. In einer Rede vor den Vereinten Nationen, die in der ersten Geschichte wiedergegeben wird, führt sie angesichts einer Aggression aus: "Ich finde es abstoßend, wie den Opfern dieses Angriffs die Schuld zugeschoben wird. Ich habe den Beschuss der zivilen Unterkünfte miterlebt, ein Bruch der Verhaltensregeln aller zivilisierten Länder." Becky Cloonan und Michael W. Conrad schrieben diesen Beitrag 2021, der nun ungewollt einen aktuellen Bezug erhält. In der vorletzten Erzählung des Jubiläumsbandes stellt Stephanie Phillips klar, dass ewiges Leben nicht auch ewige Jugend bedeutet. Doch selbst für eine alte, überaus verweste Kreatur findet Wonder Woman eine Lösung. (adi)
 
Shamhats Liebhaber Shamhats Liebhaber – Die wahre Geschichte von Gilgamesch (Charles Berbérian, Reprodukt 2022, 108 S., HC, farbig)
Es wird den Kenner des Gilgamesch-Mythos überraschen, wie Charles Berbérian die Teile der überlieferten Erzählung neu ordnet und ausschmückt. Es wirkt so, als hätte der in Bagdad geborene Berbérian die von Archäologen wie George Smith im Zweistromland gefundenen Tontafelfragmente zu einem neuen Zweck aufgereiht: Es geht ihm zuvorderst um eine lebensnahe Geschichte von Shamhat, nicht etwa um Gilgameschs Suche nach dem Geheimnis des ewigen Lebens. Auf den bisher im Irak gefundenen Keilschrifttafeln wird Shamhat als eine Frau, eine Priesterin, beschrieben, die ausgesandt wird, Gilgameschs späteren Freund Enkidu mit ihren Verführungskünsten von einem tierischen zu einem menschlichen Wesen zu wandeln und ihm zu helfen, Verstand zu erwerben. Enkidu schläft mit ihr sechs Tage und sieben Nächte lang. Danach ist er verändert und bereit, ihr nach Uruk zu folgen, wo er auf Uruks König Gilgamesch trifft. In Berbérians Version des folgenden Kampfes zwischen Gilgamesch und Enkidu ist Shamhat der Anlass des Zwists, da sie auch mit Gilgamesch zusammen ist. Also führt Eifersucht und nicht bloßes Geprotze zur Auseinandersetzung. Shamhat selbst gefallen offenbar beide Helden. – Der Anhang der kurzweiligen Comic-Adaption enthält ergänzende Informationen zum Gilgamesch-Mythos und seinen Comic-Adaptionen, wobei der Herausgeber des Buches und Sammlungsleiter des Louvre zumindest die zwölfbändige Graphic Novel von Burkhard Pfister und die ebenfalls aus zwölf Bänden bestehende "Gilgamesh"-Serie von Lucho Olivera und Robin Wood der italienischen "Euracomix"-Reihe, sowie die Arbeiten von Kevin H. Dixon, Franck Zimmermann und anderen auslässt oder übersieht. Das ist aber nebensächlich. Mit dem nun vorliegenden Band "Shamhats Liebhaber" wird jedenfalls dazu angeregt, sich wieder mit den ältesten uns heute bekannten Mythen und Legenden zu beschäftigen. Die Archäologie, Wikipedia und Charles Berbérian machen das möglich. (adi)
 
Batman: Das Reptil 1 Batman: Das Reptil 1 (Garth Ennis/Liam Sharp, Panini 2022, 80 S., HC, farbig)
Das Auge eines sehr grünen Reptils blickt uns auf dem Titelbild an. Im schmutzigen Gelb seines Augapfels leuchtet das Batsignal. Der batmankundige Betrachter wird folglich zunächst an Killer Croc denken, der in diesem Buch gegen den Dunklen Ritter antritt. Doch nein, es ist nicht der an Ichthyose leidende Superschurke (aka Waylon Jones), von dem in dieser auf zwei Bände angelegten Erzählung die große Gefahr ausgeht, sondern ein augenscheinlich anderer Reptiloide, der bereits den Riddler und den Pinguin erschreckend angebissen hat. Batman erfährt, dass dieses neue Monster an seinen Opfern lediglich "nascht", wie ein weißer Hai, und dann von ihnen ablässt, so dass einige seine Attacke überleben. Seine Opfer holt es sich aus der Riege an Superschurken, also aus der Gruppe mit Mr. Freeze, dem Pinguin, Poison Ivy bis hin zum Joker. Konstantin Volkov, die rechte Hand von Scarecrow, soll helfen. Batman nimmt eine Blutprobe aus einer Pinguinwunde. Alfred und er sind vom Ergebnis der Blutanalyse überrascht. – Der wohlbekannte Autor Garth Ennis und der Maler Liam Sharp liefern uns mit "Das Reptil" einen ungewöhnlichen Superheldencomic, den der Verlag in einem ihm sehr angemessenen Buchformat untergebracht hat. (adi)
 
Asterix auf Ruhrdeutsch 7: Die dickste Buxe vom Revier Asterix auf Ruhrdeutsch 7: Die dickste Buxe vom Revier (René Goscinny/Albert Uderzo, Egmont 2022, 48 S., HC, farbig)
Wandel durch Handel, das ist ein politisches Konzept, dessen Wirksamkeit angesichts des Handels mit Öl, Erdgas und anderen Rohstoffen aktuell sehr in Frage gestellt wird. René Goscinny nahm sich dieses Themas 1976 insofern an, als er in "Obelix GmbH & Co. KG" den jungen Technokratus einen schwunghaften Handel mit Hinkelsteinen starten lässt, um das aufsässige Dorf der Gallier zu befrieden. Technokratus, der hier Primus Merzenmus heißt, überzeugt Cäsar in Ruhrdeutsch durch seine Ansicht: "Einführung vonne spätrömische Dekadenz un schon gehtet die Emscher runta". Anfangs klappt das auch. Obelix verdient mit Hinkelsteinfabrikation und -handel so viel, dass er sich eine teure neue Hose leisten kann, lila gestreift mit Schleife und geblümtem Umhang. Viele Bewohner unseres gallischen Dorfes nehmen am wirtschaftlichen Aufschwung teil, verkaufen an die Römer und vermöbeln sie nicht mehr. Erst als Technokratus mit seinem Ansatz "Ob der Vahbraucha dat braucht, watta kauft, issihm kackegal." scheitert, kehren die guten alten, gemütlicheren Tage ins Dorf zurück. Der von Hannes Bender ins Ruhrdeutsche übertragene Text ist auch für Leute ein Spaß, die ein Vergnügen darin finden, den lustigen grammatikalischen Kapriolen dieses Dialekts zu folgen. (adi)
 
Eine Reise unter die Erde Eine Reise unter die Erde (Mathieu Burniat, Knesebeck 2022, 176 S., HC, farbig)
Nicht nur den Kleingärtner wird interessieren, was sich im Boden unter seinen Beeten abspielt. Sand, Ton, Regenwürmer, Nematoden, Pilzgeflechte, organisches Material, Mikroben und vieles mehr verschaffen den im Durchschnitt nur ein bis zwei Meter dicken Böden, die die Erde bedecken, ihren andauernden Wert für Pflanzen und Tiere. Der umweltschonende Umgang mit den großen Ackerflächen, mit denen man in der konventionellen Landwirtschaft umgeht als seien es lediglich Nährböden, die man sich mit Dünger, Wasser, Pflanzen- und Insektengiften hinsichtlich eines zu optimierenden Ertrags passend und künstlich zusammenmischt, ist Thema für uns alle, wie man durch dieses Buch erfährt. Mathieu Burniat erklärt die Zusammenhänge nicht im Stile eines herkömmlichen Sachcomics, also als illustriertes Lehrbuch, sondern bettet die fünf Lektionen, aus denen es im Grunde besteht, in eine spannende Geschichte ein, die die beiden jugendlichen Hauptfiguren durch fünf Prüfungen führt. Damit schafft Burniat wie schon in seinem Buch "Das Geheimnis der Quantenwelt" Verständnis für kleine und große Zusammenhänge. Witzige Einfälle findet man bei Burniat ebenfalls, wenn zum Beispiel hier zum Schluss Erklär-Zombies über die Erde wandeln und das Ganze nochmals übersichtlich zusammenfassen. (adi)
 
Lena auf dem Pulverfass Lena auf dem Pulverfass (Pierre Christin/André Juillard, Salleck Publications 2022, 48 S., HC, farbig)
Pierre Christin greift in seinen Erzählungen weltpolitisch bedeutsame Themen auf. Das gilt auch für das nunmehr dritte Album aus der "Lena"-Reihe, auch dieses hervorragend gezeichnet durch André Juillard. Im ersten Band mit dem Titel "Lenas Reisen" brachte Hélène "Lena" Desrosières sechs Agenten und Attentäter eines alten Netzwerks aus mehreren östlich liegenden Ländern in Dubai zusammen, um sie gemeinsam für immer aus der Welt zu schaffen. Eine ähnliche Aufgabe übernahm Lena im zweiten Band "Lena und die drei Frauen", in welchem sie in Paris durch ihren Mut und viel Sachkenntnis einen terroristischen Anschlag durch eine islamistische Organisation verhindert. In dem nun vorliegenden dritten Band "Lena auf dem Pulverfass" wendet sich Pierre Christin thematisch den Auseinandersetzungen um Syrien zu. Lena wird als Lena Muybridge von ihrem Geheimdienstchef wegen ihrer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe und ihres exzellenten Gedächtnisses als Organisationsdame für ein Treffen von Unterhändlern in Kanada eingeschleust, die das Ziel haben, eine Einigung zur Zukunft eines Gebietes vorzubereiten, welches hier nur "Das Territorium" genannt wird. Die Verhandlungsteilnehmer aus den etwa zehn einflussnehmenden Staaten werden von Pierre Christin recht klischeehaft dargestellt, doch der Autor macht damit deutlich, wie viele Details, Interessen und persönlichen Befindlichkeiten auf eine solche Konferenz Einfluss nehmen... und wie wichtig eine Lena für deren Erfolg ist. (adi)
 
Eine Geschichte Eine Geschichte (Gipi, avant 2022, 128 S., HC, schwarzweiß und farbig)
"Wer kann sich schon für die Geschichte eines Urgroßvaters begeistern? – Einer aus einem anderen Jahrhundert. – Der Opa vom Opa", klagt die Tochter des Schriftstellers Silvano Landi, der letztlich wegen jener Geschichte in psychiatrische Behandlung kommt. In ihrem Ärger übertreibt sie, denn ein Urgroßvater ist nicht der "Opa vom Opa" (und das ist nicht etwa ein Übersetzungsfehler vom italienischen Originaltext "il nonno del nonno.."), und sie ist zu Recht wütend, da die Fixierung ihres Vaters auf diese eine Geschichte (ital. "unastoria", eigens in einem Wort geschrieben) auch die Familie auseinandertrieb und Landi im Alter von 50 Jahren verwirrt zurückließ. Diese "eine Geschichte" handelt von den furchtbaren Erlebnissen von Landis Großvater Mauro im ersten Weltkrieg, die Mauro Landini mit seinem Kameraden Luca Marini nah bei einem großen Baum durchlitt, ein Baum, der einsam und kahl auf dem Schlachtfeld stand. Von den Einzelheiten erfährt der Lesende in aquarellfarbenen Bildern, die sowohl die beängstigende Kriegslandschaft, als auch die bedrückenden Gedanken der Soldaten widerspiegeln. Die Erzählabschnitte der Jetztzeit gibt Gipi demgegenüber in schwarzweißen Zeichnungen wieder. Den Baum auf dem Schlachtfeld wählte man als Titelbild der italienischen Ausgabe von 2014, bei dem nun vorliegenden deutschen Buch entschied man sich für eine Abbildung mit dem geistig zerbrochenen Silvano Landi auf nächtlicher Straße. Diese Wahl ist gut, denn erstens wird es Gianni "Gipi" Pacinotti darauf angelegt haben, uns genau diese "unastoria" über das Leiden eines Nachkommen eines Soldaten nahe zu bringen, und zweitens empfiehlt sich aktuell ohnehin ein Nachdenken über diejenigen, die am Kriegsgeschehen zu verzweifeln fürchten müssen. (adi)
 


März 2022

Karmela Krimm 2 Karmela Krimm 2: Roter Schnee (Franck Biancarelli/Lewis Trondheim, Schreiber & Leser 2022, 48 S., HC, farbig)
Es schneit ungewohnt heftig in Marseille. Karmela Krimm, die freiberufliche Detektivin, glaubt schon, einen ruhigen Arbeitstag vor sich zu haben. Doch dann beobachtet sie, dass Drohnen offenbar Diebesgut aus einer Wohnung im fünften Stock abtransportieren. Sie geht der Sache nach und trifft auf eine Räuberbande, die den Wohnungsbesitzer Jérôme Paillac auf dem Gewissen hat, nun flieht und - wie auf dem Titelbild zu sehen - der Detektivin nachsetzt. Karmela kann sich gegen einen der Räuber erfolgreich wehren, aber den Drohnen wegen der stark verschneiten Straßen nicht mit dem Auto folgen. Sie findet dank der Hilfe von Tadj (siehe auch Band 1) eine andere Lösung. Bei der Polizei soll Karmela wie an einer Wursttheke erst einmal eine Nummer ziehen, bevor man sich ihre Meldung anhört. Also muss die durchsetzungsfähige Karmela auf eigene Faust den Hintergrund der Tat aufklären. – Ein zweites Mal erwartet den Leser eine gut gezeichnete, detailreiche Kriminalgeschichte, die auch von aktuellen Bezügen zu Bevölkerung und Alltag in der französischen Großstadt am Mittelmeer lebt. (adi)
 
ZACK 274 ZACK 274 (Blattgold 2022, 100 S., SC, farbig)
Das Deckblatt der Ausgabe zum Jubiläum "50 Jahre ZACK" ist dem Aussehen des ersten Hefts von 1972 nachempfunden. Gleich drei der vier Panels des Covers erinnern an die seit damals beliebten Fliegerserien wie "Dan Cooper", "Bob Morane", "Tanguy & Laverdure" und ein Panel verweist auf die spaßigen Einseiter, mit denen das Heft aufgelockert wurde und wird, damals war es "Max der Forscher" von Guy Bara, heute sind es "Parker & Badger" von Cuadrado und "Tizombie" von Casenove & William. Das auf hundert Seiten erweiterte Jubiläumsheft enthält wie immer auch Comicserien neueren Datums: In "Die Bank" geht es um das große Geldmachen zur Zeit von Haussmanns Umgestaltung von Paris Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Erzählung "Rani" schildert das abenteuerliche Schicksal der jungen Jolanne de Valcourt, die 1743, um ihr Erbe betrogen, nach ihrer Flucht in einem Bordell in Indien landet. Und in "Harmony" wird es wunderlich esoterisch. Wie am Ende jeden ZACK-Hefts findet Frank Neubauer auch dieses Mal den richtigen Ton und Text, um der Leserschaft die Erfahrungen ihres langen Comiclese- und Sammlerlebens in Erinnerung zu rufen. (adi)
 
Das Gutachten Das Gutachten (Jennifer Daniel, Carlsen 2022, 200 S., HC, farbig)
Die Autorin Jennifer Daniel entwickelte und collagierte, angeregt durch eine Kiste mit Fotos ihres Großvaters, eine eindrückliche Kriminalgeschichte, die Ende der 1970er Jahre im Nachkriegsdeutschland spielt. Die im Anhang des Buches abgedruckten Fotos, die verschiedene Autos und einen Mann im Laborkittel bei der Arbeit zeigen, erinnern ältere Westdeutsche an die Zeit der einfachen Autos mit blechernen Radkappen, aber ohne Gurt, und an die Zeit, als man sein Auto bemalte und mit vielen Stickern beklebte, der man die Gesinnung der Besitzer entnehmen konnte. Der Comic ist sowohl Erinnerung an den damaligen Alltag, als auch an den "Deutschen Herbst", der Zeit des RAF-Terrors. Miriam, eine RAF-Sympathisantin, soll das Fluchtauto nach einer Aktion ihrer Gruppe bei einem Fest des Bundeskanzlers im Bonner Theater fahren. Der Plan geht schief. Sie fährt allein los und verunfallt tödlich. Herr Martin, Angestellter der Rechtsmedizin und von Kriegserinnerungen gepeinigt, ist betrunken zur Unfallzeit auf derselben Straße unterwegs gewesen. Nun erkennt er Miriam bei der Leichenschau im rechtsmedizinischen Institut wieder und bricht zusammen. Ist er an ihrem Tod schuld? Akribisch beginnt er, die Spuren des Unfalls zusammenzutragen, um die wahre Ursache für Miriams Tod herauszufinden. (adi)
 
Känguru-Comics 1 Die Känguru-Comics 1 (Marc-Uwe Kling/Bernd Kissel, Carlsen 2022, 224 S., HC, schwarzweiß und farbig)
Die irrwitzigen Dialoge zwischen dem Ich-Erzähler und dem Känguru, das bei ihm wohnt, lassen sich in Buchstabenbüchern, Hörbüchern, auf der Leinwand und seit Ende 2020 als Comicstrips bei "Zeit Online" verfolgen. Schon über 370 Strips sind dort erschienen, geschrieben von Marc-Uwe Kling, gezeichnet von Bernd Kissel, beides Könner in ihrem Fach, beide mit geistreichem Humor gesegnet und unseren Alltag kritisch begleitend, zum Beispiel die Klimaschutzvorhaben der FDP nicht ernstnehmend. Die Comicstrips von 2021 wurden jetzt in einem ersten Hardcover-Band nachgedruckt. Also beginnen die Strips mit einem Gespräch im Jobcenter und nicht ganz am Anfang damit, dass das Känguru sich bei Marc-Uwe die Zutaten für Eierkuchen zusammenschnorrt, um danach erst festzustellen, dass es keinen Herd hat. Man ist versucht, das ganze Buch in einem Rutsch durchzulesen, doch das klappte schon damals bei den "Peanuts"-Werkausgaben nicht, weil der Comicstrip-Lesende Witzfreizeiten braucht, um sich von dem Feuerwerk zu erholen. Folglich ist zu begrüßen, dass die Autoren auf Seite 69 nach dem hundertsten Strip vorschlagen, eine kleine Pause zu machen. Nach diesen zehn Sekunden geht es dann aber sofort weiter mit der fesselnden Geschichte von einem Kleinkünstler mit kommunistischem Känguru. (adi)
 
Noir Burlesque 1 Noir Burlesque 1 (Enrico Marini, Carlsen 2022, 96 S., HC, farbig)
Caprice tritt als Burlesque-Tänzerin in Rex' Nachtclub auf. Es sind die 1950er Jahre. Die Stripperin mit dem karminroten Haar und Auto hat ihr Metier bei Lily St. Cyr gelernt. Eigentlich heißt sie Debbie Hollow, die mit dem Ganoven Terry, genannt Slick, liiert war, bevor dieser nach Europa ging, "um den Helden zu spielen". Jetzt wird sie jedoch von Rex als Eigentum betrachtet, von dem Slick seine Finger zu lassen habe. Überhaupt erwartet Rex, dass man seine zehn Gebote, die in seinem Büro und am Ende dieses Comicalbums aushängen, strikt befolgt. Das setzen seine Leute brutal durch. Wie soll da die Liebe von Slick zu Caprice (und umgekehrt?) noch eine Chance haben? – Enrico Marini zeichnet einen Comic in den grauen Tönen jener Jahre in New York, aus denen gelegentlich etwas Rotes hervorscheint, auch einmal eine Flasche Ketchup. Dieses ist der erste Band, Fortsetzung folgt. Vorher war Marini mit der Serie "Der Skorpion" erfolgreich. Wie man seine Darstellung der rauen Praktiken der Nachtclubleute und des verführerischen Burlesque-Tanzes schätzen mag, liegt im Auge des Betrachters. Caprice empfindet sich jedenfalls als Künstlerin. (adi)
 
Der Krieg der Welten (Manga) 1 Der Krieg der Welten 1 (Sai Ihara/Hitotsu Yokoshima, Carlsen 2022, 192 S., SC, schwarzweiß)
Die Marsianer greifen mit Hitzestrahlen an, die alles verdampfen, was ihnen im Weg steht. Ein zur Verteidigung anrückendes Regiment wird ebenso zerschossen wie ein Kirchturm samt Glocke. Körperteile, die in den Strahlengang geraten, werden vom mörderischen Strahl wegrasiert, die Reste bleiben liegen. Ein Fotograf wird Zeuge des Angriffs und versucht seine Frau Clara aus der Gefahrenzone zu bringen. Er verliert dabei seinen Apparat und kehrt deswegen nochmals zum Einschlagsort der ersten Marsianer-Landefähre zurück, denn er will mit Fotografien die letzten Tage der Menschheit festhalten. Die Fahrt mit Pferd und Kutsche überlebt der Fotograf mit Glück, fast von einem Dreibein der Marsianer zertreten. – Diese Manga-Adaption der Erzählung von H. G. Wells besteht aus drei Bänden. Die Autoren liefern nicht nur ein drastisches Bild hinsichtlich der kriegerischen Attacke (zum Glück nicht in Farbe). Sie geben in ihren Bildern auch die zur Erzählzeit passenden Mittel glaubwürdig wieder, wie beispielsweise den Fotoapparat als Klappkamera mit Balgen oder die Armstrong-Kanonen, mit denen sich die Menschheit erfolglos zur Wehr setzt. Die Machtlosigkeit der Bevölkerung angesichts des unerwarteten Angriffs wird überaus deutlich. (adi)
 


Februar 2022

Spirou und Fantasio Spezial 35 Spirou und Fantasio Spezial 35: Happy Family 1 (Charel Cambré/Marc Legendre, Carlsen 2022, 48 S., SC, farbig)
Das Cover verrät es bereits: Die glückliche Familie besteht aus Spirou, Fantasio (als Mutter) und ihrem kleinen Mädchen. Sie werden von einem Autobus voller Ganoven verfolgt, denn die Kleine hat es in sich. Eigentlich hat Fantasio sie beim Dosenwerfen auf dem Jahrmarkt gewonnen, doch der Graf von Rummelsdorf hat ihr ein Upgrade verpasst, mit dem sie, wann immer sich eine Gelegenheit bietet oder wenn Spirou zu stark bremst, das Weite sucht. – Es ist sinnvoll, dass an keiner Stelle des Albums vermerkt ist, dass dieser Band der 35. der Reihe ist. So kommt man nicht auf die Idee, eine solche Nummer als Nummerierung einer Fortsetzungsgeschichte misszuverstehen und daher den Band nicht zu beachten, weil man erst viele Vorgängerbände zu lesen habe. Das hat man nicht. Tatsächlich handelt es sich um den ersten Teil einer spaßigen und konventionellen Geschichte mit Spirou und Fantasio, dem Grafen von Rummelsdorf und Pips, der diesmal recht schnell sein und sogar einem Geier ausweichen muss. Auch ein Wiedersehen mit dem Turbot gibt es, der die Reisenden unangeschnallt die Mittelmeerküste entlang in Richtung Saint-Toupet beschleunigt. (adi)
 
Das Phantom der Oper Batman - Das lange Halloween Special: Albträume (Jeph Loeb/Tim Sale, Panini 2022, 68 S., SC, farbig)
Im nahezu gleichen Format wie die erste deutschsprachige und siebenbändige Ausgabe von 1999 gibt es nun eine Fortsetzung der famosen Long-Halloween-Geschichte. Die Autoren Jeph Loeb und Tim Sale bringen Harvey Dent ("Two-Face") und seine ihn immer liebende Frau Gilda ("Ich sehe meinen Apollo...") wieder in eine gefährliche Lage. Gilda wird von einer Gruppe Calendar Men entführt. Schon im ersten Band hatten die beiden Schlimmes zu überstehen, als ihr Haus in die Luft gesprengt wurde. Jetzt setzt Two-Face darauf, dass ihm Batman hilft. Julian Day, der Calendar Man, erpresst Two-Face. Er soll in seiner Diebesbande mitmachen, die ihm besondere Juwelen beschafft. Der an einem Montag geborene Solomon Grundy ballt die Fäuste. Die Rettungsaktion läuft. Doch wieder wartet auf Two-Face und Gilda eine Sprengladung. – Einen Bezug zu Halloween und damit zu seinem Titel stellt dieses Buch aber auch noch her: Babs, die Tochter von Commissioner Gordon, und Robin klappern gemeinsam die Nachbarschaft nach Süßigkeiten ab. Solche Auflockerungen und Anspielungen zwischen den hart geführten Auseinandersetzungen mit den Superschurken möchte man nicht missen. (adi)
 
Das Phantom der Oper Das Phantom der Oper (Cavan Scott/José María Beroy, Panini 2022, 112 S., HC, farbig)
Die Opéra Garnier in Paris mit ihren atemberaubenden Sälen, dem unter ihr befindlichen See und dem acht Tonnen schweren Kristall-Lüster im Zuschauerraum regte 1909 die Phantasie von Gaston Leroux zu seinem Roman "Das Phantom der Oper" an. So ähnlich muss es Victor Hugo 1831 bei seinem Roman über den Glöckner der Kathedrale Notre-Dame gegangen sein. Diese gewaltigen Gebäude beeindrucken und regen Vorstellungen über seltsame Bewohner innerhalb ihrer mächtigen Mauern an, bedauernswerte Wesen, die sich in schöne Frauen verlieben. Quasimodo gewinnt die Zuneigung von Esmeralda, das Phantom der Oper bemüht sich um Christine Daaé. Die 1986 von Andrew Lloyd Webber verfasste, sehr erfolgreiche Musical-Bearbeitung der Erzählung ist nun Gegenstand einer Comic-Adaption von Cavan Scott, die José María Beroy in gediegene Bilder umsetzte, die wie im Film auch einen Blick in die wunderbare Kulisse in und um das Operngebäude erlauben. Die Fahrt mit Phantom und Gondel über einen von Kerzen beleuchteten unterirdischen See, wird Christine und den Comic-LeserInnen im Gedächtnis bleiben. Es gehört zu den Zutaten solcher Geschichten, dass man mit deren merkwürdigen Figuren, seien es Quasimodo, das Phantom der Oper oder Frankensteins Monster, immer auch etwas Mitleid empfinden darf. (adi)
 
Monstress 6 Monstress 6 (Marjorie Liu/Sana Takeda, Cross Cult 2022, 176 S., SC, farbig)
Eigentlich möchte man fast nur wissen, ob es Maika Halbwolf und der in ihr wohnende alte Gott Zinn schaffen, zusammen mit Kippa zum Frieden zwischen den vielen gegeneinander kämpfenden Mächten beizutragen. Doch auf geradem Weg führt diese Fantasy-Erzählung nicht zum Ziel. Vorher hat man sich an eine Fülle an Figuren zu erinnern, die zu den rivalisierenden Bevölkerungs- und Interessengruppen zwischen Düsterhafen und den Dracheninseln gehören (siehe angefügte Landkarte), um der Handlung folgen zu können. In dieser finden die Weisheiten vom katzenartigen Professor Tam Tam ihren Platz so überhaupt nicht: "Das sanfte Herz und seine Taten sind die Schlüssel zur Erleuchtung und werden Tore zu Welten öffnen, die man sich nie hätte vorstellen können". Die kriegsführenden Parteien versuchen sich im Gegenteil gegenseitig auszuradieren, wie gewohnt von Sana Takeda in bunten, explosiven Bildern ausgedrückt, in denen ab und an Personen auftauchen, denen es gerade an den Kragen geht oder die in Kriegsgebrüll ausbrechen. Und als es zum Schluss liebevoller wird, beginnt sogleich die nächste Gemeinheit. (adi)
 
DC Celebration Green Arrow DC Celebration Green Arrow (Jeff Lemire/Mike Grell/Stephanie Phillips/Laura Braga/Jorge Corona et al., Panini 2022, 112 S., HC, farbig)
Zu beobachten, wie eine Comicfigur im Laufe der Jahrzehnte verändert wird, hat seinen Reiz. Bei Figuren aus dem frankobelgischen Comic entdeckt man im Vergleich zu den US-Superheldenfiguren eher Kleinigkeiten, wie ein Cowboy, der nicht mehr raucht, oder ein Hotelpage, der ab und an keine rote Kappe mehr trägt. Aber bei den Koryphäen der Superheldenmanegerie, also zum Beispiel bei Green Arrow, zeigt die Figurenentwicklung grundlegendere Abwechslung. Oliver Queen erscheint uns auf den ersten Blick wie ein Robin Hood, grün, mit Pfeil und Bogen gegen die Bösen kämpfend. Vieles sieht anfangs aus, als wäre es bei "Batman" abgekupfert: das Green-Arrow-Signal am Himmel, so etwas wie ein Batmobil als Fahrzeug, eine Art Robin namens Roy Harper und die finanzielle Unabhängigkeit. Doch alles das ändert sich, wie dieses Buch zu zeigen weiß. Deren exemplarische Episoden führen uns nicht nur zu Oliver Queens geliebter Dinah Lance, der Dame mit dem Sonarschrei, sondern sogar bis zu einer (fiktiven) letzten Green-Arrow-Geschichte, geschrieben von Jeff Lemire ("Sweet Tooth"). Als Besonderheit bleiben die Trickpfeile des Helden im Gedächtnis, darunter einer, der zum Schützen zurückkehrt, einer mit einem Boxhandschuh auf der Spitze und einer mit Handschellen. Seit 80 Jahren ist Green Arrow nun schon Teil der Comicwelt, dieses Buch feiert seinen Geburtstag mit einem informativen Rückblick. (adi)
 
Plop Fanzine 100 Plop 99/100 (Anacker/Alt/Franke/Schaaf/Moers et al., Plop 2021, 108 S., SC, schwarzweiß)
Die deutschsprachigen Fanzines waren wiederholt Gegenstand von Comicforschung, insbesondere mit Blick auf eine sich daraus ergebende, lebendige Comic-Szene. Günter Sahler stellte 2016 eine Übersicht der Fanzines von 1975 bis 1985 zusammen und beschrieb immerhin 45 Fanzine-Serien. Hans-Peter Hock versuchte bereits 1982 über Comic-Fanpublikationen einen Überblick zu bekommen, W. P. Berres nennt sie teils in seinen "Comic-Fachpressen-Indices" (Zebra-Sonderbände ab 1997). Heike Anacker bildet in "Plop 99/100" unter der Überschrift "Little Granny Butch in: Abenteuer im Fanzine-Land" über 100 Titel ab, jeder ist Beleg einer eigenen Initiative an Fan-Comic-Veröffentlichungen. Eckart Sackmann sichtete um die Jahrtausendwende Berge von Publikationen des Comic-Fandoms und ging detailliert auf 65 Zeitschriften ein, die zur Fachpresse zu rechnen sind. Er stellte fest, dass "aus simpler Begeisterung für den Comic" mit anfänglich recht schlichtem Können und einfachen Mitteln dann ein "Wegweiser zu einer anspruchsvolleren Form" wurde. Was hier wertschätzend für die Fachpresse hervorgehoben wird, gilt ebenso für viele von Fans herausgegebene Comics, in kleiner Auflage und anfangs noch selbstgetackert, eingetütet und in die Szene versandt. Auch wenn gegen Ende der 1990er-Jahre die Anzahl an Titeln sank, so machten "Panel", "Zebra", "cOMIc", "Sprühende Phantasie" und andere weiter, zum Teil bis heute, dazu zählt auch das famose Fanzine "Plop", das nun auf sein 40-jähriges Bestehen mit der Ausgabe einer Doppelnummer zurückblickt. Einsichten in Entstehen und Werden geben Interviews mit Walter Moers ("Käpt'n Blaubär"), der in "Plop" veröffentlichte, mit Heike Anacker, die das Fanzine gründete und in Schwung brachte, und mit den nachfolgenden Herausgebern, den "Ober-Plop-Köppen", die die Idee einer ersten Bühne für neue ZeichnerInnen am Laufen hielten. Von der Plop-Website kann man übrigens auch die ersten Hefte des Fanzines herunterladen und sich zusammen mit "Plop 99/100" selbst ein Bild von einem ertragreichen Saatkorn der deutschsprachigen Comic-Szene machen. (adi)
 
Blade Runner 2029, Band 1 Blade Runner 2029 1 - Alte Bekannte (Mike Johnson/Andrés Guinaldo, Panini 2022, 112 S., SC, farbig)
Eine gewaltige Flutmauer soll Los Angeles vor Tsunamis schützen. Die Zerstörungen durch den Tsunami von 2025 sind Anlass für die enormen Anstrengungen der Stadtoberen, diese "Seawall" zu errichten. Giftiger Regen behindert die Bauarbeiten. Um das Bauwerk dennoch fertigzustellen, greift man unter der Hand auf Replikanten zurück, die - wie der Blade-Runner-Kundige seit frühestens 1982 weiß - aber erstens auf der Erde nicht erlaubt sind und zweitens bereits nach vier Jahren automatisch außer Betrieb gehen. Die für die Polizei arbeitende Aahna Ashina, genannt Ash, wird als Replikantenjägerin eingesetzt. Doch sie hintergeht ihre Vorgesetzten, indem sie die von ihr aufgestöberten Kunstmenschen nicht vernichtet sondern heimlich entkommen lässt. Bei einer Verfolgungsjagd auf der Seawall-Baustelle stürzt sich dennoch ein Replikant vor ihr zu Tode. Seine letzten Worte "Yotun erlöst" lassen Ash Nachforschungen anstellen, denn der Name Yotun kommt ihr bekannt vor. – Die von Mike Johnson geschriebene Fortsetzung von "Blade Runner" führt mit neuen Figuren in eine zukünftige Welt mit Umwelt- und Korruptionsproblemen ein, in der sich die Oberschicht vermutlich den eigenen Untergang heranzieht. Das Erzählmuster rebellierender künstlicher Wesen ist zwar nicht neu, aber in dieser Serie spannend neu ausgekleidet und mit ungewissem Ausgang von mörderischen Replikanten in die Tat umgesetzt worden. (adi)
 
Der Hafen der Geheimnisse 2 Der Hafen der Geheimnisse 2 - Die Stille des Meeres (Pierre Gabus/Romuald Reutimann, Carlsen 2022, 64 S., SC, farbig)
Die Schleppnetzfischerei bedroht die Kinderkrippen der Gründler. Sie retten ihren Nachwuchs, der nach Ablage der Eier in geflochtenen Schnüren am Meeresboden verankert wird, indem sie sie aus den Netzen herausschneiden und zu einem neuen Platz weiter draußen im Meer zur Straße von Alderney (Raz Blanchard) ziehen, von der die starke Strömung die Fischer fernhält. Doch zur selben Zeit werden haushohe Schreitroboter namens "RG" für die Erforschung des Meeresbodens entwickelt, aufmerksam von den Spionen um Agentin Tuscott ausgespäht. Ob die Roboterriesen den Gründlern und ihrem Nachwuchs gefährlich werden können? – Die bizarre und abenteuerliche Erzählung mit der tatkräftigen Julienne, den beiden Agenten Emil und Émile, den Spionen und der Spionageabwehr, den blauen Fellwalen und zahlreichen Kuriositäten geht in die zweite Runde. Es empfiehlt sich, zunächst (nochmals) den ersten Band (siehe hier) zu lesen, um sich an Motive und Funktion der handelnden Personen (inklusive Gründler) zu erinnern. Ob "RG", gesprochen "Hergé", als Name für die submarinen Roboter etwas zu bedeuten hat oder ob das einfach die Anfangsbuchstaben der Autoren dieser Comicserie sind, bleibt offen. Immerhin erinnert die unterseeische Suche an das U-Boot in "Der Schatz Rackhams des Roten" von Hergé, erhält hier jedoch eine ökologische Bedeutung. Gegen den Abbau von Bodenschätzen im Meer setzt sich nun zumindest Kapitän Criqueboeuf erfolgreich zur Wehr. (adi)
 
Marlene Dietrich 1 Marlene Dietrich 1 (Flavia Scuderi/Alessandro Ferrari, Panini 2022, 64 S., HC, farbig)
Die Mischung aus Selbstbestimmtheit und Disziplin der Marlene Dietrich seien für Flavia Scuderi Anlass gewesen, sich an diese auf zwei Bände angelegte Biografie der großen Schauspielerin zu setzen. So erzählt es die in Berlin lebende Zeichnerin im Anhang des Buches. Sie habe für die Recherche alle Filme mit der Dietrich gehabt und drei ihrer Biografien gelesen, so dass sich ihr Texter Alessandro Ferrari, ebenfalls ein Marlene-Fan, und sie sich mittlerweile als ExpertInnen für die seit dem "Blauen Engel" weltweit berühmte Darstellerin bezeichnen könnten. Im Unterschied zu dem im letzten Jahr erschienenen Marlene-Comic (siehe hier) wird die Lebensgeschichte nicht in eine Rahmenhandlung eingekleidet, sondern es werden Momente ihres Lebens herausgegriffen und aus der Nähe vorgestellt. Dabei springen die Autoren an ihnen passend erscheinenden Stellen in der Chronologie der Ereignisse hin und her. Im nun vorliegenden ersten Band wird das Leben der Dietrich bis zu ihrer Abreise in die USA beschrieben. Das ungewöhnliche oder rätselhafte Verhältnis zu ihrem Mann und ihrer Tochter wird dabei angedeutet, doch die Dietrich strebt unbeirrt nach oben: "Ich werde alles bekommen, nach dem ich verlange." (adi)
 
Harley Quinn 1 Harley Quinn 1: Die Heldin von Gotham (Stephanie Phillips/Riley Rossmo/Laura Braga, Panini 2022, 172 S., SC, farbig)
Stephanie Phillips ist eine Autorin, die ihr Handwerk versteht: klare Handlung, nachvollziehbare Motive, kein protzerisches, superheldenhaftes Gelaber und trotzdem eine Superheldengeschichte. Hinzu kommen ZeichnerInnen, die Panels schaffen, von denen so manche verdient haben, als farbenprächtige Plakate oder zumindest auf T-Shirts gedruckt zu werden. Zum Inhalt: Harley Quinn versteht nicht, warum der bullige und bekloppte Professor Hugo Strange vom Bürgermeister Nakano zum Aufräumer unter den Joker-Clowns in Gotham berufen wird. Sie selbst sei doch viel besser zur Heldin von Gotham geeignet, nachdem sie sich vom Joker abgewandt hat, Batman im Joker-Krieg unterstützte, ihr Strafregister gelöscht wurde und sie zudem als promovierte Psychologin besser zur Therapeutin der Joker-Zöglinge tauge. Zum Beweis ihrer Eignung legt sie mit Feuereifer und mit Kevin los und lädt zu einer Sitzung einer "Selbsthilfegruppe für Leute, die mal für wahnsinnige Mörder im Clownskostüm gearbeitet haben" ein. Das geht nicht gut aus. Aber Harley ist eine Gute. Man kann nur hoffen, dass sie den miesen Machenschaften von Hugo Strange mit ihrem Baseballschläger einen finalen Treffer versetzen wird. (adi)
 


Januar 2022

The Most Dangerous Game The Most Dangerous Game (Geier, Selbstverlag 2022, 68 S., SC, farbig)
General Zaroff empfängt im Grunde gerne Gäste in seinem Schloss auf einem einsamen Eiland in der Karibik. Er bewirtet sie, gibt ihnen Unterkunft, plaudert mit ihnen in den Abendstunden und jagt sie am Ende ganz waidmännisch mit Genuss über die Insel, um seine Trophäensammlung im Keller zu erweitern. Der erfahrene Jäger Sanger Rainsford gerät als Schiffbrüchiger auf Zaroffs Insel und ahnt von nichts. Gespannt verfolgt man, wie die Auseinandersetzung zwischen Jäger und Menschenjäger ausgehen wird. Und eine weiße Frau ist auch dabei. – Damit ist man schon bei dem Thema der Verfilmung der Novelle "The Most Dangerous Game" von Richard Connell angekommen, die 1932 in einem Aufwasch mit dem Film "King Kong und die weißen Frau" entstand: Regisseur, einige Darsteller und Teile der Kulisse sind dieselben. Fay Wray ist jeweils die weiße Frau. Im Film überlebt sie die Jagd, bei Geier stürzt sie tödlich getroffen in einen Wasserfall, bei Connell gibt es sie gar nicht. Geier hat sich bei seiner Adaption sowohl am originalen Text als auch an der Filmadaption von 1932 orientiert und das Beste aus beiden Welten so zusammengefügt, dass daraus eine stimmige, gelungene Comic-Adaption wurde, die er im Anhang des Buches im Einzelnen erläutert. (adi)
 
Der Joker 1 Der Joker 1 (James Tynion IV/Matthew Rosenberg/Guillem March/Francesco Francavilla, Panini 2022, 140 S., SC, farbig)
Vieles deutet darauf hin, dass der Joker, Batmans Erzfeind, eine Giftgas-Attacke auf das Arkham Asylum ausgeführt hat. Die Opfer lachten sich zwar nicht zu Tode, aber sie grinsten. Es starben um die 500 Insassen und Angestellte des Hochsicherheitspsychoknasts und darunter auch Bane, der muskulöse Schurke südamerikanischer Herkunft, der Zweimetermann, der Batman das Rückgrat gebrochen hat. Die Angehörigen sinnen auf Rache. Auch der pensionierte Commissioner James W. "Jim" Gordon hat allen Grund, sich an die Fersen des Jokers zu heften, da dieser am Tod seines Sohnes mit schuld sei. Das teuflische Gelächter des Jokers verfolgt Jim noch immer bis in seine Träume. Also nimmt er von einer rätselhaften Frau den gut bezahlten Auftrag an, den Joker endgültig aus der Welt zu entfernen. – Dem Joker soll nach 1975 nochmals eine eigene, neue Serie gewidmet werden, auch wenn er als Jack Napier erst vor Kurzem in der "White Knight"-Serie nahezu die Hauptfigur und zum Schluss tot war. Der vorliegende "Joker"-Band von Panini umfasst die ersten fünf US-Hefte von DC, die Story steht also am Anfang. Eine erste Attacke von Jokers Verfolgern verläuft wie zu erwarten glücklos, aber Jim macht erhebliche und betäubende Erfahrungen, trifft Banes Rächerin und hat genug Zeit zum Nachdenken. Im Übergang zu US-Heft 5 wechselt der Zeichenstil ins Klobige, vermutlich um die Rückbesinnung des Commissioners auf seine Vergangenheit mit dem Joker deutlich zu machen. Sonst wäre das leider schade. (adi)
 
Osamu Tezuka: MW MW (Osamu Tezuka, Carlsen 2022, 588 S., HC, schwarzweiß)
Das ist nun wirklich ein Thriller, der einen fast sechshundert Seiten lang ans Buch fesselt. Wird der teuflische Yuki es schaffen, das Giftgas MW (Mad Weapon) freizusetzen und dadurch Millionen Menschen zu töten? Wird der ihn liebende katholische Priester Vater Garai ihn davon abhalten können? – Die Manga-Expertin Jaqueline Berndt gibt im sehr nützlichen Nachwort des Buches Hintergundinformationen über diese Grafiknovelle von Osamu Tezuka, von dem man spätestens seit "Adolf" (Carlsen 2005-2007) weiß, dass er jenseits von "Astro Boy" Manga für den erwachsenen Leser gezeichnet hat, in seiner "dritten Phase", wie Berndt berichtet. Das Giftgasthema dürfte in Japan schon vor den Anschlägen der Endzeitsekte "Aum Shinrikyo" im Jahr 1995 aktuell gewesen sein. Berndt nennt einen Vorfall auf Okinawa im Juli 1969, der für Tezuka Vorlage dieses von 1976 bis 1978 veröffentlichten Manga gewesen sein könnte. – "MW" beginnt mit der Schilderung eines Entführungsfalls und erklärt erst anschließend die Motive des Täters. Dieser ist einer von nur zwei Personen, einem jungen Mann und einem Jungen, die ein Giftgasunglück auf der Insel Okino Mafune überlebt haben, weil sie in einer Höhle verborgen waren. Dort kam es zur ersten sexuellen Annäherung des Mannes an den Jungen, was wesentliche Teile des weiteren Verlaufs der Erzählung begründet. Das Titelbild deutet das vertrauliche Verhältnis der beiden zueinander an, das jedoch in einer dramatischen, erpresserischen Beziehung gipfeln wird. (adi)
 
Der fabelhafte Doktor Breslau in: Das Callisto-Rätsel Der fabelhafte Doktor Breslau in: Das Callisto-Rätsel (Geier, Selbstverlag 2022, 72 S., SC, farbig)
Dass einem die Mitarbeiter um die Ohren fliegen, nachdem sie sich in "eine Masse aus Blubber und Blasen" verwandelt haben, das lässt eine Bergbaugesellschaft den fabelhaften Doktor Breslau herbeirufen. Er soll das grausige Rätsel lösen, das auf dem Jupitermond Callisto den weiteren profitablen Abbau von Radium gefährdet. Doktor Breslau wird von Emil begleitet, einem kugelfischförmigen, fliegenden Assistenten, einem treuen Begleiter seines genialen Herrn, wie das Helferlein von Daniel Düsentrieb. Selbstredend ist dieses hier ein (Steampunk-) SciFi-Comic, dem astronomischem Wissen zum Glück so trotzend wie der interplanetare Postbote "Mars Mason", den Geier kürzlich wiederentdeckt hat. Sonst würden Doktor Breslau bei der Fahrt im offenen Ford T auf Callisto bei unter hundert Grad minus zumindest die Ohren abfrieren. Und die Alpha-Strahlung, die von den hergestellten "Radium-Barren" ausgeht, würde ihn beunruhigen, falls er von den "Radium Girls" gehört hätte. Aber Doktor Breslau lässt sich nicht aus der Fassung bringen. Er klärt die Sache und bringt sich mit Büroklammer und Kaugummi in Sicherheit, während auf Callisto noch ein weiteres Mal das Geräusch eines platzenden Mitmenschen zu hören ist. – Dieses Buch versammelt die "Doktor Breslau"-Seiten aus Geiers acht Heften der "BG Bildergeschichten für die reife Jugend" in einem Band. Als Anhang zeigt Geier Skizzen der Entstehung der Story mit einem interplanetaren Ermittler, der dem Vernehmen nach demnächst auf der Venus arbeiten wird. (adi)
 
Fabulöse Fakten 1 Fabulöse Fakten 1 (Daniela Schreiter, Panini 2022, 96 S., HC, farbig)
Sogar an eine Erklärung zu den Unterschieden zwischen einem Tot- und einem mRNA-Impfstoff setzt sich Daniela Schreiter, die als Zeichnerin der "Schattenspringer"-Comics bekannt wurde. Die Themen Impfstoff, Verhaltensforschung oder Mondentstehung mit viel Tiefgang anzugehen, müsste naturgemäß in komplexe Zusammenhänge einführen, die darzulegen eher in ein ausführlicheres Schulbuch und die Schule gehören und nicht in einen Sachcomic. Der Sachcomic weckt idealerweise durch seine Vereinfachungen und lustigen Darstellungen das Interesse am Thema. Ob sich der Mond dann tatsächlich um die Erde dreht, wie es zur gebundenen Rotation kommt, warum er sich immer weiter von der Erde entfernt, das sind die neugierigen Fragen für danach. Dass Sachcomic nicht immer Comic im strengen Sinne ist, weiß man seit "Einstein für Anfänger" oder den anderen rororo-Sachcomics. So ist es auch hier. Die "fabulösen", gemeint sind wohl "fabelhaften", Erkenntnisse aus Biologie, Astronomie und Medizin werden in leicht fassbaren Happen in Sprechblasen angereiht und diese wiederum spaßig illustriert, was den Einstieg in diese wichtigen Themengebiete erleichtert. (adi)
 


Dezember 2021

Don Vega Don Vega (Pierre Alary, Splitter 2021, 96 S., HC, farbig)
1849 ist für Kalifornien eine Zeit des Übergangs zwischen einer mexikanischen und der späteren US-amerikanischen Regierung. Der Ex-General Gomez will diese Zeit der unsicheren Gesetzeslage bezüglich mexikanischer Besitzungen nutzen, um sich zu bereichern und Ländereien anzueignen, die unter anderem der Familie Vega gehören. Der Priester Padre Delgado schreibt dem in Madrid studierenden Sohn der Familie, dass seine Eltern ums Leben gekommen seien und dass Gomez nun den Besitz der Familie mitsamt den Goldminen verwalte. Don Vega kehrt nach Kalifornien zurück. Das liest sich wie eine Wiederkehr der originalen Zorro-Geschichte die uns Johnston McCulley ab 1919 erzählte und die von ihm in der Zeit des Niedergangs der Missionsstationen angesiedelt wurde, also etwa 1822 bis 1848. Bei McCulley kehrt Don Diego Vega aus Spanien heim und erledigt als Zorro den üblen Capitán Ramón. Im nun vorliegenden Album von Pierre Alary geht es 1849 um Zorro gegen Gomez und gegen seinen Handlanger, den brutalen Borrow. Der drangsaliert die Arbeiter in den Minen so, dass sie sich nach der Befreiung durch einen Zorro sehnen. Dadurch entsteht eine spannende, alternative Zorro-Geschichte, in der es Don Vega ohne Bernardo und ohne Geheimversteck allein mit einer halben Kompanie aufnimmt. (adi)
 
Winnetou I von Walter Neugebauer Winnetou I (Walter Neugebauer, BSV 2021, 200 S., HC, farbig und schwarzweiß)
Was lange währt, wird endlich gut – und wie gut! Die Comic- und Karl-May-Fans haben wahrlich lange warten müssen - ganze acht Jahre -, aber nun gibt es den Band, und das Warten hat sich wirklich gelohnt! Endlich liegt damit auch die (vor-)letzte (denn die tschechische von Gustav Krum fehlt noch) große Adaption von „Winnetou I” als würdiger Nachdruck vor, wie zuvor schon (bei comicplus+) jene von Nickel und Arranz in der Aufmachung der berühmten Grünen Bände des Karl-May-Verlages. Von außen sieht der Band edel aus, in dunkelgrünem Leinen mit Golddruck und aufgeklebtem Titelbild, im Inneren präsentiert er sich als eine gelungene Mischung aus Nachdruck (von mehr als einer Version) und Sekundärwerk, so umfangreich und umfassend ist der redaktionelle Teil. Zum Nachdruck gehören die in „Fix und Foxi” abgedruckte Fassung und die ebenfalls schon 1963 herausgekommene Fassung des Zeichenfilmbuches, zusätzlich aber auch die verschollenen Seiten des ersten Zeichners sowie eine hierzulande bisher unbekannte jugoslawische Adaption des noch jugendlichen Walter Neugebauer aus dem Jahre 1938 (ebenfalls sehr reizvoll), die beiden letztgenannten in schwarzweiß – Ergebnis einer unermüdlichen Recherchearbeit (und tatsächlich Rechtfertigung für die lange Vorbereitungszeit). Im redaktionellen Teil finden sich die Hintergründe zur damaligen Publikation, eine Dokumentation der Bearbeitung für diese Ausgabe, aber auch eine ausführliche und liebevolle Würdigung der künstlerischen Arbeit Walter Neugebauers nicht nur im Dienste Karl Mays. Mit seinem deutlich moderneren Strich empfiehlt sich diese Adaption zum Vergleich mit der Helmut Nickels in eher klassischem Illustrationsstil. Neugebauers Zeichnungen sind fast (da spricht der Nickel-Fan) ebenso schön wie die Nickels, hinsichtlich der Werktreue ist diese Adaption ebenbürtig. Eingriffe bei der Gestaltung der Sprechblasen im Zeichenfilmbuch mögen auf Ablehnung bei Puristen stoßen, dienen aber der Lesbarkeit, die Überarbeitung des Farbdrucks (wie auch schon bei den Nickel- und Arranz-Nachdrucken) ist ebenfalls gelungen. Bleibt ein - vielleicht kleinlicher - Kritikpunkt: das glatte Papier - etwas rauheres Papier hätte (da dicker) zudem den Vorteil gehabt, daß der schöne Rücken der Grünen Bände noch besser zur Geltung gekommen wäre. Auf diese Arbeit kann Gerhard Förster als Herausgeber jedenfalls sehr stolz sein – und ist bestimmt froh, nun nicht mehr die ungeduldigen Fragen erwartungsfroher Fans (mich eingeschlossen) beantworten zu müssen. Die Leser(innen) halten ein in jeder Hinsicht schönes Buch in Händen und hoffen, daß die Bände 2 und 3 mit den weiteren Teilen der „Winnetou”-Trilogie und dem „Old Surehand” nicht mehr so lange auf sich warten lassen. (hjk)
 
Lucifer 3 Lucifer 3 (Dan Watters/Sebastián Fiumara/Fernando Blanco et al., Panini 2021, 292 S., SC, farbig)
Caliban, der Sohn Lucifers und der Hexenkönigin Sycorax, hatte einen Cherub gefressen, was den Erzengel Raguel zornig und die Lage sehr bedrohlich machte. Lucifer versteckt Sycorax und seinen Sohn und macht sich in den Unterwelten dieser Welt auf die Suche nach einer guten Bleibe für Sycorax, da sie nur noch wenige Stunden zu leben hat. Dabei gewinnt er Verbündete für die unweigerlich kommende Auseinandersetzung mit den himmlischen Heeren. Mit der folgenreicher Beilegung des drohenden Kampfes schließt ein erster Handlungsbogen, der im Original aus insgesamt 24 Heften bestehenden Lucifer-Serie von Dan Watters. Ab Heft 14 beginnen die packenderen beiden Teile: Zunächst trennt Lucifer sich von seiner halbgesichtigen Begleiterin Mazikeen und dann prophezeit ihm Kassandra, bekannt als verfluchte und unheilverkündende Tochter König Priamos' von Troja, dass er sich der Wilden Jagd zu stellen hat. Diese mordende Bande übernatürlicher Jäger kennt ein sagengläubiger Niedersachse als Bedrohung, wenn man Sonntags Wäsche aufhängt. Aber in der Version von Dan Watters vernichtet die Wilde Jagd die Bevölkerung ganzer Planeten auf der Suche nach Lucifer, der sich ihnen entgegen stellt und dafür sogar sein Herz tauscht. Damit fängt ab Heft 20 die Schilderung des Erreichens des eigentlichen Ziels von Lucifer an, dem Höllenfürsten, der mit der Hölle nichts mehr zu tun haben und sich auch selbst auslöschen will. Aber ohne Dunkelheit gibt es hier auch kein Licht. – Der vorliegende, die Hefte 13 bis 24 umfassende Band liest sich deutlich flüssiger als der erste, bei dem man sich wie ein Archäologe vorkam, der mühsam die Scherben einer alten Vase zusammenzupuzzeln hat. Die Erzählung gewinnt ihren Reiz durch den Mix aus den Sagen und Jenseitsvorstellungen vieler Kulturen. Ein bisschen Wissen um Odin, Achilles und Behemoth ist dabei nützlich, oder man guckt in die Wikipedia. (adi)
 
Die Waschbär-Diät Die Waschbär-Diät (Flix, Carlsen 2021, 96 S., HC, schwarzweiß)
"Bald schon ist Weihnacht, und ich wünsch mir nicht viel, das aber dringlich! Steht viel auf dem Spiel." Josi versucht auch als Singer-Songwriterin von ihrem Vater entweder Taschengeld, ein Pferd oder Schokoladenkekse zu erbetteln. An den Keksen sind auch Josis Vater und Rocco, der schlaue und dreibeinige Waschbär, sehr interessiert, der bei der Familie Glück im Keller wohnt. Derweil steht der verpeilte Herr Nuding nackig auf seinem Hügel und verkündet laut und ungefragt seine ungaren Einsichten. Josi scheut sich nicht, seine Weltsicht zu kontern, was sich wie eine Auseinandersetzung zwischen Vernunft und Einfalt liest. Damit nimmt Flix ein aktuelles Thema aufs Korn, wenn man zum Beispiel an jene Nachbarin denkt, die überall in ihrem Viertel klingelte, um ihre Mitbüger aufzuklären, dass es Corona gar nicht gebe. Josi würde sie wie Herrn Nuding wohl auch "gut sonderbar" nennen. Die in diesem Buch versammelten Comicstrips sind ursprünglich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in der Reihe "Glückskind" erschienen. (adi)
 


November 2021

Die Maimorde Die Maimorde – 1940-1948 (Jacques Post/Eric Heuvel, Kult Comics 2021, 80 S., SC, farbig)
Im Mai 1940 bereitet sich in Rotterdam die niederländische Verteidigung gegen den Angriff durch die deutsche Wehrmacht vor. Dabei kommen Klaus Flenter, der für den deutschen Geheimdienst spioniert, Jonathan Moret, ein Informant und gewissenloser Betrüger, und der Taxifahrer Maalbeck zu Tode. Dessen Sohn, Hendrikus "Henk" Maalbeck, sitzt 1948 vor einem Untersuchungsausschuss, der die Hintergründe dieser Morde aufklären soll. Zum Untersuchungsausschuss gehört ausgerechnet der vorgeblich "saubere" Polizist Sebastiaan Dechy, der jedoch wohl selbst schuldhaft in die Todesfälle verstrickt ist, wie Henk nun nachzuweisen beginnt. – Der Comic zu den sogenannten Maimorden, der 2019 in den Niederlanden als "Comic des Jahres" ausgezeichnet wurde, beruht auf einem historischen Roman gleichen Titels von Jacques Post. Er schildert die Lage der Bevölkerung und die Stimmung 1940 in Rotterdam und gibt einen Einblick in die Kriegsvorbereitungen zweier Länder, das eine, welches eine Invasion abzuwehren versucht, das andere, welches den Angriff ausführen will. Der Autor macht deutlich, dass persönliche Vorteilsnahmen in solchen Situationen eine Rolle spielen können. Klaus Flenter, der nicht im eigentlichen Sinne ermordet wird, und Jonathan Moret, Opfer einer Art fahrlässigen Tötung, aber auch Sebastiaan Dechy wollen sich hemmungslos bereichern. Durch die tatsächlichen Maimorde bleiben am Schluss ein zwielichtiger Diamantenhändler und ein harmloser Taxifahrer auf der Strecke. (adi)
 
Spirou und Fantasio Hoffnung 3 Spirou und Fantasio Spezial 34: Hoffnung 3 (Émile Bravo, Carlsen 2021, 116 S., SC, farbig)
Eine unbedarft ulkige Abenteuergeschichte wie solche mit Marsupilami, Pilzextrakten oder Fantaschraubern ist es nicht, wenn Émile Bravo die Lage im besetzten Belgien in den 1940er-Jahren zur Vorlage seiner Spirou-und-Fantasio-Erzählung nimmt. Mit diesem dritten Band sind es bereits dreihundert Seiten, auf denen Bravo die beklemmenden Schilderungen in der nötigen Detailliertheit ausbreitet, die Deportationen, Kriegswirtschaft und bewaffneter Widerstand mit sich bringen. Zwar mag der Leser noch eine Portion an spaßiger Atmosphäre spüren, die beispielsweise Fantasio als naiver Haudrauf ausstrahlt, aber Spirou mit zwei kleinen jüdischen Kindern im Zug auf dem Weg von Brüssel nach Auschwitz, das sind aufschreckende Bilder. Und so ungewohnt das für den Spirou-Leser sein mag, so wichtig ist es, uns diese furchtbaren Geschehnisse auch auf diese Weise vor Augen zu führen. Émile Bravo recherchierte für sein Szenario gründlich, wie man dem Begleittext entnimmt. Das sollte er auch, denn wenn es ihm um die Vermittlung eines solchen Themas geht, dann muss das glaubhaft und wahrhaft angegangen werden. Das schafft er. Und auch Spirou schafft es. Wäre ja unglaublich, wenn nicht. (adi)
 
Superclever Superclever (Mayim Chaya Bialik (Hg.), Panini 2021, 160 S., SC, farbig)
Mayim Bialik, promovierte Neurobiologin, bekannt als Amy Farrah Fowler aus "The Big Bang Theory", nimmt in diesem handlichen Comic die Erklärerinnen-Rolle einer Mai Thi Nguyen-Kim für Kinder ein. Dazu hat sie Beiträge mehrerer Autoren und Zeichner zu Themen aus Astronomie, Forensik, Atomphysik, Genetik, Tiefsee, Klima und Technik überarbeitet, wie es vorweg heißt. Das ergab fast immer lehrreiche und wohl auch kindgerechte Erzählungen. Nur wenn eine Green Lantern mit physikalischen Begriffen und Beschreibungen zu schlampig umgeht, wird es heikel. Zum Beispiel hätte Sheldon Cooper seiner Amy vom Energieerhaltungssatz vorgetragen, demzufolge Energie in unserem System weder entstehen noch verschwinden kann, Solarzellen also keine Energie erzeugen, sondern eine elektrische Spannung, und dass Energie auch nicht erneuerbar ist. Schon Albert Camus bemerkte, dass schlecht gewählte Begriffe zum Leid der Welt beitrügen. Demgegenüber wird in der Geschichte über die Antarktis, wo der Schurke Wheather Wizard sein Unwesen treibt, die Unterscheidung zwischen Klima und Wetter deutlich gemacht, eine für die heutige Zeit notwendige Erkenntnis. Professor Proton wird mit Mayim Bialik und diesem Buch bestimmt zufrieden sein. (adi)
 
Samsara Samsara (Frank Giroud/Michel Faure, comicplus+ 2021, 176 S., HC, farbig)
Die abenteuerliche Erzählung in diesem meisterhaft in couleur directe von Michel Faure sehr eindrucksvoll gezeichneten Comicroman spielt im Jahr 1885. Zwei Schwestern, von denen die eine für den Erhalt einer Schule für arme Kinder in Manchester kämpft und die andere mit ihrem Mann in Indien auf Tigerjagd geht, erfahren im Laufe einer gefährlichen Expedition durch den indischen Dschungel, was ihre Eltern bei einem ganz ähnlichen Unternehmen 1857 auch erlebt haben, als seien sie, die Kinder, schicksalhaft zu einer solchen Wiederholung gezwungen, wie man sich in indischen Religionen den leidvollen Kreislauf des Lebens vorstellt, das Samsara, eine andauernde Wiederkehr von Geburt und Tod. Dem Szenaristen Frank Giroud gelingt es, rund um dieses Motiv eine Familiengeschichte zu erzählen, in der der Leser von Anfang an einige Geheimnisse vermuten wird, die es aufzudecken gilt. Mit dem Geschick des erfahrenen Szenaristen lässt Giroud durch Rückblenden, Briefseiten, Andeutungen die ganze Wahrheit gut verteilt nach und nach klar werden. Es wird auch klar, warum Herbert Griffith nicht wollte, dass seine Tochter nach Indien reist. Er fürchtet, dass auch sie in eine solche Gefahr wie er gerät, dass sich der Horror wiederholt. Aber dem Samsara kann man ja auch entrinnen, indem man von seinen Begierden ablässt und Erkenntnis gewinnt. Man wird es erfahren. (adi)
 
Lenz Lenz (Andreas Eickenroth, Edition 52 2021, 80 S., HC, farbig)
Als Georg Büchner um 1835/36 die Leidensgeschichte des Schriftstellers Jakob Michael Reinhold Lenz in eine Novelle fasste, die bei der Veröffentlichung postum als "Lenz" betitelt wurde, nutzte er dazu seine beeindruckend bildkräftige Sprache. Andreas Eickenroth, der Zeichner der nun vorliegenden grafischen Umsetzung dieser Novelle, verweist im Vorwort des Bandes darauf, dass diese Sprache ihn gereizt habe. Als Comiczeichner setze er "Worte in Bilder" um, sein Werk sei das Echo auf Büchners geschriebene Malerei. Wer die Büchnersche Novelle kennt, bemerkt dann auch gleich ab dem ersten Panel, wie nah sich Eickenroth an diese seine Vorgabe hält. Wörter des Textes werden zu Bildzeichen in den Paneln, zum Beispiel Sonnenstrahlen, die wie ein Schwert durch die Schneelandschaft schneiden, finden sich als wirkliches Schwert abgebildet. Eine Wiege steht für den Klang eines Wiegenlieds, Wal und Segelschiff für das endlose Meer, der Gehörnte für den Triumpfgesang der Hölle. Eickenroth wählt wie bei seinem "Woyzeck" als Mittel der Darstellung ganz überwiegend das Simultanbild in ganzseitigen Paneln. Es gelingt damit gegenüber der Vorlage eine Streckung und Einteilung der Beschreibung der Entwicklung von Lenz' psychischer Erkrankung in dem Sujet angemessene, einfacher aufnehmbare Abschnitte. (adi)
 
Kein Vatertag Kein Vatertag (Sascha Dörp, Kult Comics 2021, 112 S., HC, zweifarbig)
"Du bist ein Altbau, den Kerstin gerade kernsaniert!". Eine gute Bekannte erklärt Malter, was ihm in der Beziehung zu seiner Freundin Kerstin gerade geschieht. Und als Malter nach Hause kommt, sitzt dort Kerstin im Zimmer und spricht den gefürchteten Satz: "Malter, wir müssen reden." Malter ahnt Schlimmes. Aber dann stellt sich heraus, dass Kerstin ein Kind mit ihm haben möchte, ein Wunsch, dem er nach kurzem Nachdenken gerne zustimmt. Doch Kerstin wird nicht schwanger. Ein Arzt stellt Malters Unfruchtbarkeit fest. – Sascha Dörp gelingt es, das ernste Thema des unerfüllten Kinderwunsches in leichter, humorvoller, gelegentlich süßlicher Weise zu behandeln. Dafür setzt er wiederholt talking heads ein, um mit deren Dialogen die notwendigen Beschreibungen zu liefern und den Comic voranzubringen. Der markante, sparsame und ausdrucksvolle Strich des Zeichners ist auch aus dem "Buddha von Berlin" bekannt, tritt mit seinen lebendigen Konturlinien hier aber noch rauer, entschiedener auf. Die Erzählung entstand auf der Grundlage einer persönlichen Erfahrung im Laufe eines Jahres mit je einem Panel pro Tag, das im Web veröffentlicht wurde. "Kein Vatertag" erhielt den ICOM Preis 2021 als bester Independent-Comic. (adi)
 
Marlene Dietrich - Augenblicke eines Lebens Marlene Dietrich – Augenblicke eines Lebens (Claudia Ahlering/Julian Voloj, Knesebeck 2021, 128 S., HC, farbig)
Eine Comic-Biografie ergibt Sinn, wenn sie durch ihr grafisches Werk besondere Momente im Leben der Dargestellten hervorhebt, Gefühltes eindrücklich vor Augen führt oder auch ermüdend Langatmiges in wenigen Bildern zusammenfasst. Sonst könnte der Leser auch gleich den entsprechenden Eintrag in der Wikipedia oder in den immerhin 12 Quellen studieren, die der Verlag am Ende der Biografie "Marlene Dietrich – Augenblicke eines Lebens" auflistet. So manches von Marlene Dietrich wird man ohnehin schon wissen: ihr Auftritt in "Der blaue Engel", ihre demonstrative Abkehr vom Nazi-Deutschland, ihre Verleugnung der eigenen Schwester, ihr strikt zurückgezogenes Leben in Paris seit Ende der 70er-Jahre. Kurz: Eine Comic-Biografie möchte oder sollte also einen Mehrwert gegenüber einer Text-Biographie aufweisen. Daher nimmt es nicht wunder, dass der Autor für dieses Buch über die Dietrich eine fiktive Rahmenhandlung schreibt, die an die Tonbandaufnahmen von Maximilian Schell erinnert, und dass die Zeichnerin kein fotorealistisches Abbild der Geschehnisse anstrebt, sondern eine ungefähre, unscharfe, aquarellierte Bildwelt zur Erinnerung an die große Schauspielerin und Antifaschistin Marlene Dietrich schafft, bei der sich das Land Berlin 2001 postum für Anfeindungen gegen sie offiziell entschuldigte. (adi)
 


Oktober 2021

Murr Murr (Josephine Mark, Zwerchfell 2021, 120 S., HC, farbig)
Mit Murphy, genannt Murr, hat es schon seine Mutter bei der Geburt nicht leicht. In der Schule wird beim beruflichen Eignungstest festgestellt, dass er nur zum hundertprozentigen Banditen tauge. Diesen Berufsweg schlägt Murr dann auch sehr engagiert ein. Er lernt mitleidlos und schnell zu schießen und nutzt die Gelegenheit, seine Gegenspieler ins Jenseits zu befördern. Er steigt unbekümmert zur Frau des Sheriffs ins Bett. Als Murr deswegen am Galgen hängt, taucht der Tod erstmals auf. Er wird Murr auf seinem weiteren Leidensweg begleiten und bringt Murr sogar dazu, einer tief empfundenen Liebe zuzustimmen. – Die zeichnerische und farbliche Umsetzung der nicht ausschließlich humorigen Erzählung weist die Autorin als beachtliche Comicmacherin aus, die ihren eigenen und für dieses Sujet überzeugenden Stil gefunden hat. Dieser Western gründet auf einem gut durchdachten Skript, wie aus einem Guss, das die Handlung spannend durch die über hundert Seiten führt. (adi)
 
Detektei Hardy (Integral) Detektei Hardy (Annie Goetzinger/Pierre Christin, Kult Comics 2021, 360 S., 2 HC im Schuber, farbig)
An die sieben Alben der französischen Originalausgabe der ausgezeichneten Serie "Agence Hardy" kam man eine Zeitlang nur zum Teil oder zu einem hohen Preis heran. Als Annie Goetzinger 2017 starb, erinnerte man sich offenbar wieder an die von 2001 bis 2012 entstandenen Alben und die Nachfrage stieg. Zwar sorgte 2010 eine erste Gesamtausgabe des französischen Verlags für das erneute Erscheinen der ersten drei Bände, aber es blieb dem deutschen Verlag vorbehalten, dann auch wirklich alle sieben Bände in zwei Gesamtausgaben als "Detektei Hardy" herauszugeben, sorgfältig ins Deutsche übertragen, sauber gelettert und im handlichen Format zwischen stabilen Deckeln. Die Handlung beginnt 1955. Edith Hardy betreibt zusammen mit ihrem Assistenten Vittorio Maziero, genannt "Victor", eine Detektei. Die beiden Hauptfiguren darf man sich nun nicht als eine französische Variante von Miss Marple mit Mister Stringer vorstellen, erstens ist Edith Hardy weitaus eleganter und zweitens ist Victor weitaus findiger. Ihr Erfolg verschafft ihnen Renommee und genügend Aufträge, die sie auch in geheimdienstliche und politische Vorgänge hineinführen. Die zeitgeschichtlich stimmigen Hintergründe, vor denen Edith und Victor die Fälle lösen, machen die Alben zusätzlich lesens- und sehenswert, seien es der Blick auf das Ende der IV. Republik, die Zeit kurz vor dem Bau der Mauer in Berlin, die Besinnung auf die Nazi-Zeit und den Holocaust in Paris und die Auseinandersetzungen während des Algerienkriegs um 1960. Der Autor von "Detektei Hardy" und unter anderem auch von "Valerian und Veronique", Pierre Christin, studierte an der Sorbonne Politikwissenschaften. Sein Engagement für die Darlegung gesellschaftspolitischer Vorgänge wird hier wie dort deutlich. Für seine Arbeit als Szenarist wurde er 1996 und auch 2010 mit einem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet, 2019 erhielt er den Prix René-Goscinny. (adi)
 
Karmela Krimm 1: Ramadan Blues Karmela Krimm 1: Ramadan Blues (Franck Biancarelli/Lewis Trondheim, Schreiber & Leser 2021, 48 S., HC, farbig)
Nachdem sie den Polizeidienst wegen eines zu harten Einsatzes gegen eine kriminelle Bande verlassen musste, schlägt sich Karmela Krimm mit einfacher Detektivarbeit wie dem Fotografieren von fremdgehenden Ehemännern durch. Manon, die Tochter ihrer Ex-Kollegin, begleitet Karmela ausgerechnet zu der Zeit als Praktikantin, als sie gedrängt wird, einen gefährlicheren aber lukrativen Auftrag anzunehmen. Die gewiefte Detektivin soll nachweisen, dass die Frau des ermordeten Präsidenten von Olympic Marseille nicht an dessen Tod schuld ist. Als tatkräftiger Helfer wird Karmela der Leibwächter Tadj zur Seite gestellt. Schon bald geraten Karmela, Tadj und Manon ins Umfeld von Leuten einer gewaltbereiten Drogenszene. – Nach "Caroline Baldwin" und mehreren Comics von Terry Moore bringt der Verlag abermals einen fesselnden Krimi in die Läden, in dem Frauen das Heft des Handelns in der Hand halten. Dass die Kulisse der Erzählung die Hafenstadt Marseille mit ihrer Mischung von Menschen vieler Kulturen ist, etwa ein Drittel sind Muslime wie Tadj, der mit knurrendem Magen den Ramadan beachtet, das bildet den besonderen Rahmen der von Lewis Trondheim erdachten Erzählung, mit dem diese neue Serie auffällt und punktet. (adi)
 
Der Wald Der Wald (Thomas Ott, Carlsen 2021, 21 S., HC, schwarzweiß)
Die Schabkartontechnik lässt Thomas Otts Erzählungen dunkel und bedrohlich erscheinen, wie beispielsweise in seinen Büchern "Cinema Panoptikum" und "t.o.t.t.", obwohl es im nun vorliegenden Buch "Der Wald" für die Hauptfigur, einen Jungen während einer Trauerfeier, auf ein erhellendes, befreiendes Ende hinausläuft. Doch drängt sich beim Buchtitel und beim Betrachten zunächst die Erinnerung an den Wald in Gustave Dorés Illustration des ersten Gesangs der Göttlichen Komödie auf, in den Dante in der Mitte seines Lebens hineinirrt. Auch der trauernde Junge sucht seinen Weg durch einen Wald, aber nicht um alle jenseitigen Welten aufzusuchen, sondern um einen Weg hin zum Verstorbenen zu finden. Thomas Ott gelingt der Bericht über diesen Gang des Jungen durch seinen Wald wortlos auf nur 25 ganzseitigen Panels, die es in sich haben. Die Beschränkung auf 25 Seiten folgt der Vorgabe zu einer Buchreihe 25 images, zu der auch die 1918 entstandenen "25 images de la passion d'un homme" von Frans Masereel passen, ein erster moderner Roman ohne Worte. Textlose Comics gibt es eine ganze Reihe, worauf die "Comixene" 140 kürzlich hinwies – man denke nur an "Space Dog" oder "Slow" von Hendrik Dorgathen – und seitens des Herausgebers anfügte, "dass der Comic in erster Linie mit Bildern erzählen sollte". (adi)
 
Klaus - Die wahre Geschichte von Santa Claus 2 Klaus - Die wahre Geschichte von Santa Claus 2 (Grant Morrison/Dan Mora, Panini 2021, 208 S., HC, farbig)
Pola-Cola will eine Stadt schaffen, Xmasville, in der an jedem Tag Weihnachten ist. Das geht nicht ohne Auseinandersetzung mit Klaus ab, dem "richtigen" Nikolaus. Pola-Cola verbündet sich mit einer außerirdischen Macht, mit einem brutalen Monster, das an Lobo erinnert. Der verlangt von der Firma Pola-Cola mit "Kinders" bezahlt zu werden, also mit Kindern, denen ihre Fantasie entzogen wird. Um die Kinder vor einem solchen Horror zu retten, betritt der alte Klaus den Kampfplatz, hat gegen diesen Lobo aber wohl keine Chance. – Drei Nikolaus-Geschichten sind in diesem Hardcover-Band versammelt, in denen sich wohlbekannte Erzählideen, wie der von einem gefrorenem Herzen oder von Holzsoldaten, mit heldischen Kämpfen, Superschurkengefasel, magischen Metallen, einem Löffellecker und Pinocchios Gepetto, Dei ex Machina wie Großväterchen Frost und Snegurka vermischen zu einer ungewöhnlichen Weihnachtsstimmung. Grant Morrison, den Autoren dieser Nikolausgeschichten, kennt man zumindest von der Serie "JLA - Die neue Gerechtigkeitsliga" und wird sich daher über seine Ideenvielfalt nicht wundern. (adi)
 
Blacksad 6: Wenn alles fällt 1 Blacksad 6: Wenn alles fällt 1 (Juan Díaz Canales/Juanjo Guarnido, Carlsen 2021, 60 S., HC, farbig)
John Blacksad, dem schwarzen Kater, geht es wie vielen seiner Detektivkollegen, seien es Philipp Marlowe, Magnum oder Veronica Mars: Verbissen sorgen sie für Gerechtigkeit, sind auch meistens erfolgreich, aber finanziell lohnt es sich eigentlich nicht. Nachdem sich Blacksad im letzten Band zusammen mit der Hyäne Neal um eine Katzenfrau aus dem Zirkus gekümmert hat, geht es im aktuellen Abenteuer um die undurchsichtigen Vorgänge bei den Städtebauvorhaben des Raubvogels Solomon und um die Bemühungen einer Pferdedame, ein Theater zu errichten. Sogar Blacksads geliebte Alma Mayer bekommt darin eine Rolle. – In dieser Serie lassen die Autoren Kriminalgeschichten in einer Szenerie spielen, deren Figuren Tiergestalt haben. Einem Gewerkschaftsführer der U-Bahn-Angestellten die Gestalt einer Fledermaus zu verleihen, Mafiosi als Wiesel zu zeigen und Polizisten als Hunde, das spricht seine eigene Sprache, die dem Comicleser von "Maus" bis "Micky Maus" vertraut ist. Von den nahezu realistischen Tierdarstellungen in den Comics von Frank Pé ("Die Bestie"), Masashi Tanaka ("Gon") oder Federico Bertolucci ("Love") weicht das natürlich ab, denn die Autoren von "Blacksad" stellen menschliches Verhalten dar und liefern keine Beobachtungen tierischen Lebens. Der Lesbarkeit eines Comics, dem Wiedererkennen von Figuren kommt das sehr entgegen. (adi)
 
The Vote 1 The Vote 1 (Edogawa Edogawa/Ryuya Kasai, Carlsen 2021, 192 S., Tb., schwarzweiß)
In der Hayabusa-Reihe von Carlsen erwarten einen für gewöhnlich Boys-Love-Comics und Liebesgeschichten besonderer Art, aber eben auch Erzählungen, die aus dem (verstörenden) Alltag von Menschen gegriffen sind. Dazu gehört die Serie "The Vote", in der ein horrendes Auswahlverfahren unter SchülerInnen einer Privatschulklasse beschrieben wird: Der oder die "Gewählte" wird von einem Unbekannten durch die Veröffentlichung von intimen Fotos derart bloßgestellt, dass das ihren "sozialen Tod" bedeutet, sie also aus der Schulgemeinschaft verdrängt werden oder wie im Falle der Schülerin Kanna wirklich den Tod finden. Ob es technisch tatsächlich möglich ist, dass in den Smartphones der SchülerInnen einer bestimmten Klasse eine App so viele Zugriffsrechte wahrnimmt, dass sie das Miteinander in der Klasse beherrscht und zeitweise in ein Gegeneinander verkehrt, lässt sich nicht ausschließen. Das ausgeklügelte Szenario beugt möglichen Zweifeln an der Machbarkeit eines solchen Missbrauchs vor und verdeutlicht, welche psychische Belastung und welche Folgen eine durch das Smartphone oder andere Computer getriebene Sozialisierung von Menschen mit sich bringen kann. Dabei gerät "The Vote" nicht ermüdend belehrend rundum zu einer Kritik an dem, was zu den "social media" zählt, nein, "The Vote" bleibt immer eine spannende Erzählung. Aber die Aufforderung "Raus aus den sozialen Medien" scheint zwischen den Zeilen und Bildern dieses Manga dann doch hervor. (adi)
 
Asterix und der Greif Asterix und der Greif (Jean-Yves Ferri/Didier Conrad, Egmont 2021, 48 S., HC, farbig)
Gefrorenen Zaubertrank kann man gleich wegschütten, der wirkt nicht mehr. Das hat Miraculix offenbar nicht bedacht, als er mit Asterix und Obelix seinem Freund Terrine zu Hilfe eilt, der weit weit im kalten, verschneiten Osten, im Lande der Sarmaten seine Jurte aufgeschlagen hat. Dem griechischen Geschichtsschreiber Herodot zufolge gingen die Sarmaten aus Gruppen von Skythen und Amazonen hervor. Das mag ein Grund dafür sein, dass die Autoren dieses 39. Asterix-Albums den Frauen der Sarmaten die Rolle der berittenen Kämpferinnen zudenken, während die Männer am häuslichen Herd stehen. Dem Leser des neuen Asterix-Abenteuers, das international in einer Startauflage von 5 Millionen Exemplaren erscheint, bietet sich eine Mischung aus wohlvertrauten Asterix-Zutaten wie Wortwitz und Anspielungen auf den Zeitgeist, manches wirkt dabei wie aus früheren Alben zitiert, aber es zeigt auch genügend neue erzählerische Einfälle und lässt gelungen, humorige Bezüge zu unseren Alltag entdecken. Entdecken wird man nach einigem Stöbern in der heimischen Kulturkiste auch, was Asterix' Greif mit den Skythen und Fossilien zu tun hat. Der neugierige Asterix-Forscher stößt unversehens auf alte Völker und Viecher. Und dann sucht er nach den Bucinobanten und Aduatukern. Die römischen Legionäre hatten es mit den Barbaren wirklich nicht leicht. (adi)
 
Im Kopf von Sherlock Holmes Im Kopf von Sherlock Holmes (Cyril Liéron/Benoit Dahan, Splitter 2021, 96 S., HC, farbig)
Die Kombinationsgabe von Sherlock Holmes ist ungewöhnlich, das Cover dieses an grafischen Ideen reichen Buches ebenfalls. Eine kopfförmige Öffnung lässt unmittelbar durch den dicken Buchdeckel hindurch Einblick in das wohlgeordnete, gut ausgestattete Oberstübchen des famosen Detektivs nehmen. Während wir Normalsterblichen mit einem Hirn auskommen müssen, in dem die Sachen verstreut umherliegen wie im Zimmer eines spielenden Kindes, so glänzt Holmes mit einer inneren Aufgeräumtheit sondergleichen. Es reiht sich in ihm Hinweis an Hinweis, Fakt an Fakt, wodurch er messerscharfe Schlüsse ziehen kann. Entrüstet entgegnet Holmes also dem verunfallten Dr. Fowler: "Das Glück, mein Freund, überlasse ich den Banausen von Scotland Yard." Der rote Faden seiner Gedankenführung und seines Weges durch den Kriminalfall begleitet den Leser sichtbar und mit kommentierenden Kartuschen versehen durch den ganzen Band. In den detailfreudig ausgestalteten, doppelseitigen Simultanbildern weist der rote Faden dem Leser die Abfolge der Erzählungsmomente. Die Aufforderung, Seiten gegen das Licht zu halten oder sie zu falten, liefern ihm feine Hinweise. Auch Randbemerkungen sind bedeutsam. Eine solche Bilderzählung, mit so vielen Puzzleteilen und zeichnerischen Einfällen auszustatten und dennoch gut nachvollziehbar zu bleiben, zugleich ein politisches Vergehen deutlich machend, das lässt die Autoren dieses Buches glänzend dastehen. Applaus. (adi)
 


September 2021

Verlagswesen Verlagswesen (Annette Köhn, Jaja 2021, 132 S., HC, farbig)
Einblicke in die Arbeit der beiden Comic-Verlage Salleck Publications und Jaja Verlag verbreiteten regionale Fernsehsender und die ARD 2021 über ihre Mediatheken. Noch besser erfährt man aber vom verlegerischen Alltag und von der nötigen Vielseitigkeit und der unabdingbaren Leidenschaft einer Comicverlegerin in dem Buch "Verlagswesen" von Annette Köhn, die ihren Wunsch nach einem selbstständigen Comicverlag ab den 2010er-Jahren in die Tat umsetzte. Die Freude am Büchermachen und an der Verlagsarbeit zeigt sich nicht zuletzt an der ansprechenden, selbst gestalteten Verpackung, in der einen ein Buch erreicht, sondern auch am vorliegenden Buch selbst: bedruckter Leineneinband, Fadenheftung, Leseband, Kapitalbändchen: das gute Lesegefühl. Inhaltlich geht es um die Wiedergabe eines Arbeitstages in ihrem Verlag. Köhn berichtet vom Umgang mit der Buchhaltung, mit den MitarbeiterInnen, mit BesucherInnen, mit der Lieferung eines neuen Buchs durch den DHL-Mann. Die Zeichnungen sind gut lesbar, wenig aufwendig, einfach gefertigt und aquarellfarbig hinterlegt, alle Texte sind handgeschrieben. Kleine Wichtel, die Verlagswesen, begleiten die Verlegerin durch den Tag. Nur sie kann sie sehen und hören. Sie sind auch diejenigen, die mahnen, wenn die Verlegerin etwas anderes tut, als sie in diesem Moment eigentlich wollte. Solche Wesen könnten wir bei uns auch gebrauchen. (adi)
 
Batman - The World Batman - The World (Benjamin von Eckartsberg/Brian Azzarello/Paco Roca/Lee Bermejo/Thomas von Kummant et al., Panini 2021, 188 S., SC, farbig)
"Man spielt nicht mit Kunst herum. Auch nicht mit Geschichte." Wonder Woman als neue Kuratorin des Louvre ermahnt Catwoman und Batman, die Kunstwerke im Zuge ihrer kampfsportlichen Auseinandersetzung nicht zu gefährden. Catwoman geht es dabei um das Lasso der Wahrheit, mit dem sie Batman einwickeln will. – Es sind vierzehn Kurzgeschichten dieser Art, die in der nun vorliegenden World-Anthologie versammelt sind, jede Kurzgeschichte aus einem anderen Land. Für Deutschland treten Benjamin von Eckartberg und Thomas von Kummant an. Sie schicken Batman in die bayerischen Alpen, um den Joker davon abzuhalten, radikale Klimaschützer auf seine explosive Art zu unterstützen. Paco Rota aus Spanien fürchtet um Batmans schlanke Linie, Stepán Kopriva berichtet vom Kampf gegen einen selbstmordmachenden Telepathieverstärker in Prag, Kirill Kutuzov und Egor Prutov aus Russland erzählen von Jugenderinnerungen an einen Batman-Zeichenstift. So geht es weiter um die ganze Welt bis man in Japan ankommt. Wie bei den meisten Comic-Anthologien erhält man auch bei dieser eine bunte Mischung an Geschichten und grafischen Umsetzungen mehr oder weniger gefälliger Art. (adi)
 
Der Hafen der Geheimnisse 1 Der Hafen der Geheimnisse 1 - Das Monster aus dem Meer (Pierre Gabus/Romuald Reutimann, Carlsen 2021, 64 S., SC, farbig)
Luftschiffe, große Fellwale, grüne Gründler, versteinerte Agenten, die neuen Geschichten aus Cherbourg, der Stadt der Regenschirme, punkten mit überraschenden Einfällen ihrer Autoren. Beim Schutz geheimer Unterlagen haben die zwillingsgleichen Agenten Emil und Émile ihren Kollegen Schulze und Schultze bezüglich sportlicher Fitness und wegen eines felsenfesten Durchhaltevermögens viel voraus. Eine Akte mit brisanten Informationen über Meereswesen soll ausländischen Spionen nicht in die Hände fallen. Der junge Vogelfreund Gus und vor allem seine Schwester Julienne unterstützen die Spionageabwehr nach Kräften. Doch Fräulein Fulton, Agentin der Gegenseite, ist ebenfalls auf Zack und will verhindern, dass das geldbringende Geschäft ins Wasser fällt. – Auch das französische Original des Albums zeigt ein auffallend unlebendiges Lettering, das dem abwechslungsreichen, phantasievollen Inhalt der Erzählung nicht gerecht wird. Die Zeichnungen sind im Stil der ligne claire gehalten, gut lesbar, was eine Atmosphäre liefert, in der Meeresgeheimnisse erzählt sein wollen. Übrigens schwimmen im Meer vor Cherbourg keine "Monster", sondern lediglich normale blaue Fellwale ;-). (adi)
 
Klaus 1 Klaus 1 - Die wahre Geschichte von Santa Claus (Grant Morrison/Dan Mora, Panini 2021, 208 S., HC, farbig)
Gemeinhin wird angenommen, dass all die guten Taten des Nikolaus in den Legenden der Legenda Aurea verzeichnet sind. Da wird zum Beispiel erzählt, dass Nikolaus den drei Töchtern eines zu armen Mannes drei Goldklumpen als Mitgift ins Zimmer wirft, damit ihr Vater sie nicht in die Prostitution verkaufen muss. Grant Morrison greift diese Idee der hilfreichen Geschenke bei seiner Version der Nikolausgeschichte auf. Sein gutherziger, kräftig gebauter Nikolaus bringt die Terrorherrschaft in einer mittelalterlichen Stadt ins Wanken, indem er den armen Kindern Spielzeug erträumt und in den Kamin wirft. – Der echte Nikolaus soll als Bischof in der Nähe von Antalya im warmen Süden gelebt und sich gerne für seine Ideen geprügelt haben; bei Morrison geht Nikolaus seiner Mission und den Schlägereien im klirrend kalten Norden nach. Und dann tritt noch eine Art Knecht Ruprecht in die Arena, bitterböse, gehörnt, Anlass für späteres Kampfgetümmel. Wird er mit seinen spitzen Fingern die mit Süßigkeiten vollgestopften Kinder packen können? Der Fortsetzungsband ist bereits für kommenden Monat angekündigt. (adi)
 
Blutspuren Blutspuren (Rutu Modan, Carlsen 2021, 168 S., SC, farbig)
Nachdem im Frühjahr "Der Tunnel" von Rutu Modan in zweiter Auflage erschien, ist es nun auch Zeit für eine Neuauflage von "Blutspuren", dieses Mal in der Aufmachung eines eher großformatigen Taschenbuchs. Dem Taxifahrer Kobi Franco wird darin von einer ihm unbekannten Frau mitgeteilt, dass unter den Opfern eines Sprengstoff-Anschlags vermutlich sein Vater Gabriel sei. Da er zu seinem Vater seit einem Rauswurf keine normale Beziehung mehr unterhält, versucht er nur zögerlich herauszufinden, ob diese Mitteilung zutrifft. In der verlassenen und heruntergekommenen Wohnung seines Vaters entdeckt er einen Liebesbrief von einer gewissen N. Er erfährt, dass dieses N. zu Numi gehört, derjenigen Frau, die ihm die Attentatsnachricht überbracht hat. Nun machen sich beide gemeinsam auf die Suche nach Spuren des Vermissten. – Den Titel des Buches kann man zum einen auf das geschilderte blutige Attentat in einem israelischen Busbahnhof beziehen, zum anderen auf Kobis Spurensuche nach dem Vater. Rutu Modan schildert vor dem Hintergrund des Alltags in Israel wie sich das schwierige Miteinander von Kobi und Numi entwickelt. Das meistert sie unaufgeregt, eindrücklich und nachfühlsam. (adi)
 
Batman - Der weiße Ritter: Harley Quinn Batman - Der weiße Ritter: Harley Quinn (Sean Murphy/Katana Collins/Matteo Scalera, Panini 2021, 172 S., SC, farbig)
Wie angenehm, wenn man gleich weiß, dass man sich in einem alternativen Baman-Universum befindet, in dem endlich einmal aufgeräumt, alter Ballast über Bord geschmissen und auf die Konsistenz zu gestrigen und morgigen Batman-Heftreihen gepfiffen wird. Sean Murphy genießt als Autor des White-Knight-Erzählstrangs freie Hand. Er lässt reihenweise bekannte Figuren über die Klinge springen, im letzten Band viele über diejenige von Azrael, und die sind dann auch wirklich weg, aus und vorbei. Batman/Bruce lebt aber noch, allerdings ohne sein Fledermauskostüm, ohne Maske. Knastbedingt erfährt er von Harley/Harleen nur zu den Besuchszeiten, wie es ihr mit ihren Zwillingen ergeht und wie sie als Psychaterin mit einer Mordserie zurechtkommt, in der betagte Filmstars ermordet und geschminkt werden. Sie schafft das, selbst wenn sie ihre Kinder Jackie und Bryce mit zur Arbeit an einen Tatort nehmen muss, falls sie keine Babysitterin hat. Zum Glück stehen ihr die beiden Hyänen Lou und Bud zur Seite, insbesondere wenn es brenzlig wird. – Diese Gotham-Geschichte, der man nicht ganz ohne Vorkenntnisse des vorherigen Bandes "Der Fluch des Weißen Ritters" folgen kann, nährt sich weniger vom Kriminalfall, sondern von den ungewohnten Rollen, in denen Harley/Harleen und Batman/Bruce handeln, und sie lebt von den detailreichen, feinen Zeichnungen, die stets noch mehr erzählen als der Text hergibt. (adi)
 
Snowpiercer 1 Snowpiercer 1 (Jacques Lob/Jean-Marc Rochette/Benjamin Legrand, Egmont 2021, 280 S., HC, schwarzweiß)
Ein Zug mit 1001 Waggons, der durch die eiskalte Landschaft einer gefrorenen Erde unaufhörlich weiterfährt, das ist der Snowpiercer, die letzte Zuflucht der Menschheit. Außerhalb des Zuges erfriert man wegen des von den Menschen selbst verschuldeten Eiszeitalters sofort. Einen der Passagiere, Proloff, hatte es ans Ende des Zuges, ins Gedränge und Elend der dritten Klasse verschlagen. Er kämpft sich nach vorne in die besseren Klassen vor, dorthin, wo das Leben erträglicher ist, wo es sich die militärischen, klerikalen und politischen Führungseliten gut gehen lassen. Proloff schafft es sogar bis ganz nach vorne zur "heiligen Loko", zur von den Religiösen verehrten Antriebsmaschine. Dort findet ihn später Puig Vallès, einer der sogenannten Landvermesser, die in Schutzanzügen außerhalb des Zuges tätig werden. Puig übernimmt das Kommando zur Überquerung eines zugefrorenen Meeres, weil von dessen anderer Seite Musik zu hören ist. – Für die bisher dreiteilige Erzählung, die in dem Band "Schneekreuzer" 2013 schon einmal bei uns herauskam und die für Kino und Fernsehen verfilmt wurde, ist eine Fortsetzung im Januar mit dem Titel 'Terminus' angekündigt. Den Snowpiercer, der sich durch Machtkämpfe, Ungleichbehandlungen und religiösen Irrsinn nach und nach zerkleinert, mag man sich ungern als Sinnbild für das Raumschiff Erde vorstellen. Sollte man aber. (adi)
 
Der Vampir von Düsseldorf Der Vampir von Düsseldorf (Michael Mikolajczak/Holger Klein, Kult Comics 2021, 128 S., HC, zweifarbig)
So detailliert mag man das gar nicht wissen wollen, was der Triebtäter Peter Kürten mit seinen Opfern in den Jahren 1929/30 in Düsseldorf anstellte. Die dazu vorliegende Grafiknovelle von Michael Mikolajczak und Holger Klein liest sich wie eine Dokumentation zu einem der grausigen Serienmorde jener Zeit, zu denen auch die Taten Fritz Haarmanns (siehe "Haarmann" von Peer Meter/Isabel Kreitz) und Carl Großmanns gehören. Die öffentliche Aufregung, derentwegen sogar "Buddha" Ernst Gennat aus Berlin nach Düsseldorf geschickt wurde, ist angesichts der nicht abbrechenden Folge an Morden und Mordversuchen gut nachvollziehbar. Fritz Lang greift in seinem Film "M" inhaltlich diese Art Mordserien auf und lässt das Getriebene, das nahezu Ausweglose im Verhalten der Mörder deutlich werden. Kürtens und Haarmanns Motive sind jedoch unterschiedlich. Mikolajczak wählt für seine Darstellung von Kürtens Taten und Lebensumständen einen Weg, der keinen Platz lässt für unterhaltsames Gruseln oder Vampirismus à la Buffy, sondern der die Einzelheiten so ausbreitet, dass man den Mörder versteht, aber nicht verstehen will. Jetzt liegt Kürtens Kopf in einem US-amerikanischen Museum. (adi)
 
Die eiserne Hand - Der Unsichtbare 1 Die eiserne Hand - Der Unsichtbare 1 (Ken Bulmer/Jesús Blasco, Panini 2021, 128 S., HC, schwarzweiß)
Spätestens seit dem Vortrag eines Elektrofachmanns auf dem Donaldistenkongress 2014 in Bremen über die Wirkung von Elektrizität auf Comicfiguren, in diesem Fall deren Wirkung auf Donald, kennt man die Phänomene des Schreckschwebens, der spontanen Zahnsprossung und der aufplusternden Federspreizung. Bei Louis Crandell mit seiner eisernen Hand zeigt Elektrizität ganz andere Folgen. Durch eine Explosion an seinem Laborarbeitsplatz zugleich einer besonderen Bestrahlung und einer hohen elektrischen Spannung ausgesetzt, wird sein Körper seit diesem Unfall immer für eine gewisse Zeit unsichtbar, wenn er sich elektrisch auflädt. Nur seine stählerne Handprothese bleibt sichtbar. Was sich wie physikalischer Humbug anhört, ist für Louis Crandell Realität, die er zunächst nutzt, um seine Machtphantasien auszuleben, wie man bei uns ab der Veröffentlichung seiner Geschichte 1975 im Comicmagazin Kobra nachlesen kann. – Die britische Serie aus den 1960er-Jahren liegt als Sammelband in neuer Übersetzung vor und führt beispielgebend vor Augen, in welcher Weise damals Abenteuercomic inhaltlich gestaltet und mit welcher zeichnerischen Qualität veröffentlicht wurde. (adi)
 


August 2021

Der Buddha von Berlin Der Buddha von Berlin (Peter Dörp/Sascha Dörp, Kult Comics 2021, 56 S., HC, farbig)
Den "Buddha" Ernst Gennat lernte man in Comic und Buch "Der nasse Fisch" oder ab 2017 in der Aufsehen erregenden Krimiserie "Babylon Berlin" kennen, als die SerienheldInnen Gereon Rath und Charlotte Ritter auf den ebenso fülligen wie fähigen preußischen Kriminalbeamten und seine modernen kriminaltechnischen Methoden treffen. Auf die erfolgreiche Erzählung von Volker Kutscher nimmt dieser Comic zwar keinen Bezug, ergänzt sie aber um eine unterhaltsame Geschichte, die gut für sich allein stehen kann. Mit Gennats bekannter Vorliebe für Stachelbeerkuchen steigen Peter und Sascha Dörp in einen vermeintlichen Kriminalfall ein, der von überraschenden Wendungen gekennzeichnet ist und am Ende einen Twist wie in Winsor McCays "Rarebit Fiend" liefert. Auch zeichnerisch fällt der Comic angenehm auf, da er durchgehend eine gelungene, eigenständige Note durchhält, die dem Erzählgegenstand gerecht wird. – Zwar könnte das abgetrennte Bein, das Gennat in einer Schachtel überbracht wird, zu einem kaum zu klärenden Mordfall gehören. Aber da Ernst Gennat bekanntlich 95 Prozent aller Mörder fängt, wird man annehmen, er schaffe das ruckzuck auch diesmal. Doch so schnell schießen die Preußen nicht. (adi)
 
Der Schweinehund 2 - O Maneta Der Schweinehund 2 - O Maneta (Régis Loisel/Olivier Pont, Carlsen 2021, 88 S., HC, farbig)
Auf der Suche nach seinem Vater gerät Max im Amazonas-Gebiet ins Visier von skrupellosen Mädchenhändlern und muss fliehen. Zusammen mit der stummen Mestizin Baia irrt er durch den Dschungel. Sie weiß dort nicht nur sicher zu überleben, sondern auch seinen Tripper zu behandeln, den er sich in der Nacht mit der leichtlebigen Corinne eingefangen hat und der ihm nun stark zusetzt. Auf der Flucht finden sie zum einen das Wrack eines abgestürzten, kleinen Flugzeugs und treffen auf ihrem weiteren Weg zum anderen auf den einsiedlerisch lebenden O Maneto, den Einarmigen, dem Baia zutiefst misstraut. – Régis Loisel liefert dem Leser abermals eine ungemein spannende Erzählung, in der die Verfolgung und Flucht von Max und Baia nicht den einzigen Spannungsbogen bildet und in der die esoterischen Momente keinen unangemessenen Umfang einnehmen. Olivier Pont findet die dazu passenden, eingängigen Bilder, wie man sie von "Jenseits der Zeit" bereits kennt und schätzt. (adi)
 
Buffy (2020) 4 - Beste Feinde Buffy (2020) 4 - Beste Feinde (Jordie Bellaire/Ramon Bachs/Rosemary Valero-O'Connell/Julian Lopez, Panini 2021, 112 S., SC, farbig)
Nach sieben Staffeln der Buffy-Saga im Fernsehen (1997-2003), nach weiteren fünf Staffeln im Comic (2007-2018), nach diversen Ablegern und Nebengeschichten ging es 2019 dank der Autorin Jordie Bellaire und mit Heften mit einer Vielzahl an Variant Covern tatsächlich wieder von vorne los. Wieder trifft die 16-jährige Buffy ihren Wächter Giles in der Bibliothek der Schule, wieder sind Xander und Willow dabei, aber es geht anders weiter als bekannt. Es ist, als beginne man mit den gleichen Figuren ein neues Spiel, jetzt mit Handys und GPS. Doch unglücklicherweise verliert Buffy ihr Handy gleich zu Beginn der neuen Serie. Es fällt Spike und Drusilla in die Hände, wie Xander zu seinem Leidwesen und dem Entsetzen aller feststellen muss. Jordie Bellaire spinnt die bisher bekannten Erzählfäden zu etwas Neuem zusammen, in dem Xander und Willow, aber auch die Vampirjägerin Kendra schon früh bedeutende Rollen übernehmen. Letztere wird samt neuem Wächter aktiviert, als Buffy im Höllenschlund verschwindet. Doch Buffy kommt im vorliegenden vierten Band nach Sunnydale zurück, wie und warum auch immer, und ärgert sich, dass eine Nachfolgerin da ist. Kendra oder Buffy, wer jagt nun mit wem und wen? Das Böse bleibt immer und überall. (adi)
 
F***ing Sakura - Zu zweit allein in Japan F***ing Sakura - Zu zweit allein in Japan (Giulio Macaione, Panini 2021, 196 S., SC, farbig)
Während des Fluges nach Japan trennen sich Cloe und José. Wer nun annimmt, es folgt eine rührselige Liebesschmonzette, in der die Getrennten nach langen Irrwegen wieder zueinanderfinden, der hat sich geschnitten. Schon der Titel, in welchem die japanische Kirschblütenromantik verdammt wird, tritt diesem Eindruck entgegen. Aber die Tennung schlägt auch nicht in ihr Gegenteil um, etwa in gegenseitigen Hass aufeinander. Vielmehr zielt Giulio Macaione auf die Zwischentöne. Er schildert die Suche von Cloe und José nach dem, was sie wirklich wollen. Ihre Reise allein durch ein fremdartiges Land stellt sich in diesem Falle als Hilfe heraus. Dabei lässt Macaione die Gelegenheit und auch die Notwendigkeit nicht aus, das japanische Alltagsleben, die Mentalität, die Sehenswürdigkeiten, Restaurants und Mangaläden zu beschreiben, in denen Cloe und José sich neu zu orientieren haben. Zum Glück treffen sie beide auf kluge Frauen mit Italienischkenntnissen. (adi)
 
Micky Maus Magazin 18/2021 Micky Maus Magazin 18/2021 (Daan Jippes/Ulrich Schröder/Jaakko Seppälä u.a., Ehapa 2021, 52 S., Heft, farbig)
Der 70. Geburtstag des Micky-Maus-Magazins wird gefeiert. Nachdem im Sommer 1951 zunächst ein vierseitiges Werbeheft verteilt worden war, begann mit dem berühmten ersten Heft (siehe Zeittafel 1951) eine Erfolgsgeschichte des deutschsprachigen Comic-Marktes mit 1,3 Milliarden verkauften Heften. Aus diesem Anlass finden sich derzeit gleich zwei Jubiläumsbände am Kiosk und im Supermarktregal. Zum einen liegt dem Jubelheft selbst ein 148-seitiges "Micky Maus Taschenbuch" mit 16 Klassikern bei. Zum anderen ist ein 100-seitiger Band "Das Beste von 1951 bis 2021" mit einem Rückblick gegliedert durch Beispiele aus den sieben Jahrzehnten zu haben. Inhaltlich zeigen dieser Band und auch das Jubelheft, welche Bedeutung Donald Duck für das Magazin zukommt. Seltsam, dass Carl Barks im Rahmen dieser Jubelei nicht hervorgehoben wird und dass er mit gar keiner Erzählung vertreten ist. Aber in der ersten Geschichte "Die Nummer Eins", die aus dem übrigen Material hervorsticht, tritt wenigstens Erika Fuchs als Frieda Fuchs wegbereitend für den Erfolg auf. (adi)
 


Juli 2021

Monroe - Ein Hollywoodmärchen! Monroe - Ein Hollywoodmärchen! (Bernard Swysen/Christian Paty, Panini 2021, 104 S., HC, farbig)
"Goodbye, Norma Jean, ich habe dich nie gekannt. Als du gegangen bist, da war ich noch ein Kind. Und jetzt frag ich den Pförtner vom Filmatelier, ob er mir sagen kann, wo ich deine Spuren find'" textete Udo Lindenberg 1973. Heute könnte er diese Comic-Biografie lesen, statt den Pförtner (?) zu fragen. Die Lebensgeschichte von Marilyn Monroe nachzuvollziehen, das ist wegen der vielen Wechselfälle in ihrem Leben nicht schnell gemacht und benötigt beim Versuch, es in einem Comic zu versuchen, viele Seiten. Dennoch hat der Autor Bernard Swysen sich drangesetzt, die Geschichte des allbekannten Hollywoodstars von ganz vorne zu erzählen, also auch die Vorbedingungen deutlich werden zu lassen, unter denen die Schauspielerin zur Welt kam. Marilyn Monroe nahm diesen Namen erst 1946 an. Sie wurde 1926 als Norma Jeane Mortenson geboren und als Norma Jeane Baker getauft. Mit 16 Jahren heiratete sie und trug daher einige Jahre den Namen Norma Jeane Dougherty, bevor sie den damaligen Anforderungen der Filmindustrie an Schauspielerinnen nachkam, sich scheiden und umbenennen ließ, berühmt wurde, aber nie zu ihrem Glück fand. Nach dem Lesen dieser gut gezeichneten Biografie versteht man Udo Lindenbergs Wunsch: "So gern hätt ich dich gerettet, doch ich kam viel zu spät." (adi)
 
Der Mann, der Chris Kyle erschoss Der Mann, der Chris Kyle erschoss (Nury/Brüno, Carlsen 2021, 164 S., SC, farbig)
Spätestens an der Stelle, als die Witwe von Chris Kyle bei Fox News sagt, die tollen Gewehre mit automatischer Zielverfolgung würden Leben retten, könnte der Leser stutzig werden. Ist es nicht eher so, dass man mit Gewehren letztlich immer das Gegenteil erreicht? Und warum sagt das ausgerechnet die Witwe des Scharfschützen Chris Kyle, deren Mann wegen der US-amerikanischen Waffengläubigkeit von Kugeln durchsiebt wurde? – Beachtlich an dieser Graphic Novel ist, dass sich die Autoren im Stile eines nüchternen Dokumentarfilms eines Kommentars enthalten und die Geschichte des Kriegshelden Chris Kyle mit seinen 160 beglaubigten "Abschüssen" in sachlichen Episoden anreihen. Dabei werden auch die Motive seines Mörders deutlich. Das erzeugt unter dem Strich die nötige Nachdenklichkeit über eine fragwürdige Waffenkultur und über die Folgen des Kriegs im Irak. (adi)
 
Der Krieg der Welten Der Krieg der Welten (Thilo Krapp, Carlsen 2021, 136 S., SC, farbig)
Dieses Mal erscheint Thilo Krapps Literaturadaption von Der Krieg der Welten überarbeitet in Farbe. Die Erzählung vom Überfall des Mars auf die Erde veröffentlichte H. G. Wells im Jahr 1898. Krapp gibt dem Angriff der Marsianer auf die Menschen bei Surrey im Süden Englands durch sorgfältige Recherche ein Aussehen, das zu Erzählzeit und Ort passt. Er nahm unter anderem eine Modezeitschrift von 1898 und ein Kunstmagazin jener Zeit zu Hilfe, um Kleidung und Ambiente stimmig zu zeichnen, wie man im Anhang nachlesen kann. Betrachtet man in den vielen Illustrationen und Comics zum Krieg der Welten die Darstellungen der marsianischen Kampfroboter, zum Beispiel in den "Illustrierten Klassikern" oder auf DVD- und Buch-Covern, dann erstaunt, wie es marsianische Schreittechnik mit ihren drei Beinen stolperfrei über den irdischen Acker schafft. Mit Krapps Fußtellern sollte das allerdings klappen. Doch was nützt einem die ganze ausgefeilte Technik, wenn man keinen ausreichenden Impfschutz hat. (adi)
 
Die Bestie, Teil 1 Die Bestie 1 (Frank Pé/Zidrou, Carlsen 2021, 156 S., HC, farbig)
1955 trifft in Antwerpen ein Schiff ein, welches lebende Fracht aus Südamerika bringen soll. Wegen eines Schadens an der Maschine musste die Fahrt aber auf hoher See unterbrochen werden. Drei Wochen wurde bei brütender Hitze auf Ersatzteil und Weiterfahrt gewartet. Das überstanden nur ganz wenige Tiere, darunter eines mit einem meterlangen Schwanz. Es gelingt diesem Tier, in Antwerpen von Bord zu fliehen. Es wird halbtot vom Schüler François aufgefunden. – Frank Pé ist dafür bekannt, dass er in seine Comics viele und gerne Tiere zeichnet, sei es in "Zoo", "Jonas Valentin" oder in "Das Licht von Borneo". Das ist in diesem gewichtigen Band nicht anders, wenn er die seltsame Menagerie des François mitfühlend darstellt. Der Tierfreund François hat in der Schule darunter zu leiden, dass er einen deutschen Vater hat. Der Vater verließ seine Mutter bei Kriegsende. Die ungewöhnliche Erzählung aus dem Spirou-Umfeld spielt nicht nur in der heiteren Szenerie, die man von Comics mit diesem fabelhaften Wesen sonst gewohnt ist. Die Autoren lenken den Blick zudem auf die belgische Nachkriegszeit und auf den Umgang mit Tieren, was der Geschichte ihren zusätzlichen Wert verleiht. (adi)
 
Die Unheimlichen 9 - Der Schatten Die Unheimlichen 9 – Der Schatten (Aike Arndt, Carlsen 2021, 64 S., HC, zweifarbig)
Es gibt Menschen, die verstehen ihren Schatten einfach als physikalisches Phänomen bei Anwesenheit von Licht. Doch mit dem Gedanken zu spielen, dass der eigene Schatten ein Teil des Selbst sei, für dieses sogar bestimmend sein kann, das hat seinen Reiz. Hans Christian Andersen lässt in seinem Kunstmärchen "Der Schatten" einen gelehrten Mann mit seinem Schatten verhandeln, bis dieser die Gewalt über ihn gänzlich übernimmt. – Aike Arndt gelingt, die Entwicklung des Körper-Schatten-Verhältnisses treffend in Bilder zu setzen. Dabei fällt streckenweise kein Wort, doch das Geschehen entwickelt sich so unheimlich, wie es der Titel dieser Comicreihe verspricht. Wenn die Buchhändlerin ihn erinnert, zu viel Sonne sei gefährlich, dann ist das einerseits eine Anspielung und andererseits die Einleitung für Comicseiten, in denen man die blendende Sonne des Südens spürt. Auch mit wenigen Farben lässt sich gut erzählen und bei einem Comic über den Schatten trifft das zudem die Erwartung. (adi)
 
Sweet Tooth - Die Rückkehr Sweet Tooth - Die Rückkehr (Jeff Lemire, Panini 2021, 156 S., SC, farbig)
Jetzt wird der Spieß umgedreht. Die Hybriden sollen verseucht werden, die Menschen aber überleben. So jedenfalls will es der Irre, den seine unterirdisch lebenden Mitmenschen "Vater" nennen. Wie ein Prophet predigt er ihnen, dass man bald erlöst sei und hinaus könne, wenn man sich noch etwas gedulde. Es geht um die Rückkehr ins Freie, wo nur noch die Hybriden leben. Dazu hat der klon- und virusforschende Wissenschaftler in seinen geheimen Laboratorien alles Nötige in die Wege geleitet. – Der uns altbekannte, hirschköpfige Gus erhält von Jeff Lemire in dieser Neufassung der Geschichte eine andere Rolle als in der vorherigen Erzählung von 2009. Dabei gibt es Szenen, durch die wir an die 2009-Erzählung erinnert werden, zum Beispiel durch diejenige, in der Gus seinen Wald nicht verlassen soll oder indem er eine Wendy wiedererkennt. Immer wieder "träumt" Gus von Ereignissen und Personen aus der 2009-Erzählung. Für den Leser ist daher hilfreich, sich diese ersten "Sweet Tooth"-Comics in Erinnerung zu rufen. Sehr einprägsam gelingt Lemire die Doppelseite, in der der Elefantenhybride Earl mit Gus auf den Schultern durch das Wasser zieht, als würde Christophorus das Jesuskind durch den Fluss tragen. Es war eine gute Idee von Lemire, nicht einfach eine Fortsetzung der Geschichte zu schreiben, sondern sie unter einem anderen Blickwinkel neu zu erzählen. (adi)
 
Lucky Luke Hommage 5: Zarter Schmelz, © Lucky Comics, 2021 Lucky Luke Hommage 5: Zarter Schmelz (Ralf König, Egmont Ehapa Media 2021, 64 S., SC, farbig)
Sprüngli heißt der Schweizer Chocolatier, dessen fünf Kühe von Lucky Luke in das grüne Tal Dandelion getrieben werden sollen. Die Kühe sind extra aus der Schweiz nach Pennsylvania transportiert worden und zeigen dank Calamity Jane gewisse Verhaltens- und Farbstörungen. Jetzt sollen die Kühe in Amerika für sahnige Schokolade mit zarten Schmelz sorgen. Lucky Luke nimmt den lauen Job an. Er möchte endlich einmal entspannen, Abstand von seiner Rolle als Western- und Comic-Idol gewinnen, den aufdringlichen Fans und Autogrammjägern entfliehen, die sich sogar freuen, wenn er ihnen ein Loch in den Hut schießt. Doch dann kommen ihm Steckrüben dazwischen. (Man weiß, wen der König so nennt.) In einem Duell auf der Hauptstraße von Straight Gulch gehen die Streithähne aufeinander los. – In der Reihe der Hommagen an "Lucky Luke" erzählt Ralf König mit dem ihm eigenen Wortwitz und urigen Zeichenstil anlässlich des 75. Geburtstags des Cowboys, der auch in Unterwäsche schneller schießt als sein Schatten, eine Geschichte von Leidenschaft und Liebe. Seit 1946 ist Morris' Cowboy nun schon unterwegs und probiert es in seinem hohen Alter dank Sprüngli statt mit Grashalm mit Schokoladenzigaretten. (adi)
 


Juni 2021

Mary Shelley Mary Shelley (Manuela Santoni/Alessandro Di Virgilio, Knesebeck 2021, 132 S., HC, schwarzweiß)
Unter den Gruselgestalten nimmt der von Frankenstein geschaffene künstliche Mensch in der Bildersuppe unseres Gedächtnisses einen vorderen Platz ein. Schon der Frankenstein-Film von 1910 stellt dieses Wesen wie eine Höllenfigur dar, hager und klapprig, mit langen spitzen Fingern aus einem Alchemistenkessel steigend. Auf dem Cover erkennt man oben das Wesen an den typischen Nähten im Gesicht. Doch Mary Shelley, die den Roman "Frankenstein" 1818 veröffentlichte, wird es nicht nur Anliegen gewesen sein, ein Monster zum Zwecke des Gruselns in die Welt zu setzen, sondern auch zu beschreiben, was für ein Schicksal ein solches künstliches und (daher) unperfektes Wesen erleiden kann, das ohne belebende Kontakte, ohne gleichartiges Gegenüber, auf sich allein gestellt bleibt. Die vorliegende Biografie Mary Shelleys führt uns ihren Lebensweg vor Augen bis zur Entstehung der Frankenstein-Erzählung bei Blitz und Donner. Mit überwiegend dickem schwarzen Strich, gelegentlich eingestreuten roten Gefühlsspuren, schattenlosen Ansichten der Figuren, als seien sie mit dem Finger in Sand gemalt worden, fühlen die Autoren einem Lebensweg nach, der Mary durch ihr Elternhaus, ihr Jahr in Dundee, ihre Heirat mit Percy und dem Ausbruch des Vulkans Tambora zur berühmten Schriftstellerin macht. (adi)
 
Zack (1999) #264 Zack (1999) 06/2021: Aida Nur (Sussi Bech, Blattgold 2021, 18 von 84 S., Heft, farbig)
Als die Dänin Sussi Bech bei den Comic-Salons 2018 und 2020 in Erlangen ihre Comics zeigte, war die häufig gestellte Frage, ob es ihre Comics auch auf Deutsch gebe. Das wurde leider verneint. Einige besorgten sich die an Hergé erinnernden Comics daraufhin in Französisch ("Nefriti"), Holländisch oder Dänisch ("Nofret"). Auch ein englischer Text von "Aida Nur" kursierte. Doch dank ZACK und dem Übersetzer Frank Neubauer ist über die Abenteuer der Tänzerin Aida ab jetzt in deutscher Sprache zu lesen. Wie auch Sussi Bechs Hauptserie "Nofret", spielt die vorliegende Geschichte in Ägypten. Der Junge Hassan findet beim Spielen wertvolle Antiquitäten. Aida Nur bietet an, die Präziosen für Hassan und seine Mutter unauffällig zu verkaufen. Archäologen wären entsetzt, aber die Erzählung wurde 1991 geschrieben, als man das Mitnehmen alter Grabbeigaben wohl noch nicht schlimmer als Kirschenklauen in Nachbars Garten ansah. Aida Nur bekommt jedenfalls Ärger. Wie das ausgeht, erfährt man im nächsten Heft. Es fällt auf, dass die deutsche Fassung gegenüber der französischen Version auch zeichnerisch und farblich überarbeitet wurde. Welche Variante besser ist? Geschmackssache. (adi)
 
Spirou präsentiert 5: Rummelsdorf 2: Patient A Spirou präsentiert 5: Rummelsdorf 2: Patient A (David Etien/Bertrand Escaich/Caroline Roque, Carlsen 2021, 48 S., SC, farbig)
Über den jungen Grafen von Rummelsdorf wurde im letzten Album berichtet, wie er 1940 erfolgreich beim Dechiffrieren der von der Werhrmacht durch die Enigma verschlüsselten Nachrichten half. Den Autoren gelang es wie nebenbei, dem Leser zusammen mit der kurzweiligen Erzählung Grundkenntnisse der damaligen kryptografischen Verfahren zu vermitteln. In dem vorliegenden zweiten Band haben es der junge Graf und seine Freundin Blair 1941 zunächst wieder mit einer verschlüsselten Nachricht zu tun, einem Hilferuf. Unterschrieben ist er mit 68, 6, 20, 84, 3, 62, 102. Da unsere Geistesgrößen die Folge der ersten 26 Primzahlen im Kopf haben, wissen sie sogleich, dass ihr Freund Schwarz der Absender ist. Stimmt tatsächlich: S ist der 19. Buchstabe im Alphabet und 68 minus 1 ist die 19. Primzahl. Dass die Autoren selbst derartige Details verständlich unterzubringen wissen und späterhin auch noch die Wirkung von Pervitin auf die Neuronen und das Funktionsprinzip einer atomaren Explosion erläutern, ist in einem Comic über den famosen Wissenschaftler und Pilzexperten Rummelsdorf sehr am Platze. Aber es sind nur angemessen kurze Einsprengsel, es entsteht dadurch kein Sachcomic, sondern es bleibt eine ereignisreiche Geschichte, die im Kern auf historischen Tatsachen beruht. Auch Patient A hielt sich nur dank viel Pervitin (Chrystal Meth) auf den Beinen. (adi)
 
Yeshua Yeshua (Tomaž Lavrič, comicplus+ 2021, 160 S., HC, farbig)
Als braver Schüler im nördlich-nüchternen Konfirmationsunterricht hat man gelernt, das Geschriebene zu hinterfragen und eher das Symbolische in den biblischen Erzählungen zu schätzen. Erstaunt, kopfschüttelnd, aber auch fasziniert, folgt man später im Urlaub in Italien den Geschichten, die dort von Jesu Lebensweg so erzählt werden, als stünden sie in einem fehlenden Teil der Bibel. Darin hätten sie auch stehen können, e.g. als Kindheitsevangelium nach Thomas (ca. 2. Jhdt. n. Chr.), wären sie bei der Endredaktion zum Bibelkanon beachtet worden. In diesem Evangelium und seinen Variationen verbringt Jesus beispielsweise als Kind erste Wunder, indem er aus Lehm geformte Vögel zum Fliegen bringt oder versteckte Spielkameraden in Ziegen verwandelt. Ungewohnte Erzählungen zu Jesu Lebensweg sind also von alters her im Umlauf, nicht erst seitdem der Film "Das Leben des Brian" in die Kinos kam. Im Unterschied zu dieser Komödie, in der Brian als Parallelfigur zu Jesus gedacht sein mag, legt es Tomaž Lavrič darauf an, seinen Yeshua als möglichen, wirklichen Jesus auftreten zu lassen. Sorgsam komponiert Lavrič sowohl die aus der biblischen Überlieferung bekannten Personen, Mutter, Vater, Geschwister, Verwandte, Gefolgsleute und Gegner, als auch zahlreiche Episoden aus den vier kanonischen Evangelien zu einer für den leidlich Bibelkundigen spannenden und stimmigen Parallelerzählung, von der man als Konfirmand zwar feststellt, dass das Symbolische hopsgeht, die aber zu den Erfahrungen unseres Alltags passt: alles Schwindel und Geldmacherei. Interessant ist zudem, dass Lavrič der Figur von Maria aus Magdala (vulgo Maria Magdalena) eine Rolle wie im Philippusevangelium gibt, als Jesu Geliebte, Lieblingsjüngerin und damit einflussreiche Ratgeberin. Auf dem Ölberg, als sie nicht mehr da ist, gesteht er: "Die [Fanatiker] haben uns auseinandergerissen. Dabei war sie immer meine Kraft. Ohne sie bin ich nichts." (adi)


Mai 2021

Mademoiselle J. 1 Mademoiselle J. 1 – 1938: Ich werde niemals heiraten! (Laurent Verron/Yves Sente, Carlsen 2021, 48 S., SC, farbig)
In einer waghalsigen, akrobatischen Hilfsaktion per Flugzeug hatte 1929 Ptirou die 14-jährige Mademoiselle Juliette de Sainteloi zu retten versucht, wie in "Sein Name war Ptirou" (Band 25 der Spirou und Fantasio Spezial-Reihe) nachzulesen ist. Ptirou erschien dabei als die Figur, die Rob-Vel zur Vorlage für seinen Spirou ab 1938 wählte, auch mit rotem Pagenanzug, aber mit wirrerem Haar und ohne Eichhörnchen. Das wäre für den nun vorliegenden ersten Band von "Mademoiselle J." im Grunde nicht weiter erwähnenswert, doch enthält die Geschichte wiederholt Verweise auf jenen Ptirou, auf die legendäre Spirou-Figur und ihr Umfeld wie etwa jenen famosen Onkel Paul mit seiner Pfeife, der alten Spirou- oder Kauka-Lesern noch bekannt sein wird (Les belles histoires de l'oncle Paul, 1951–1982, resp. Onkel Jo). Doch das sind nur die Bonbons für die Afacionados. Wer vom ereignisreichen Lebensweg der nun neun Jahre älteren Juliette als Journalistin im Paris zwischen den Weltkriegen liest, wird schon bald auf die Nazis, Sowjets und skrupellose Geschäftsleute treffen, gegen die sie antritt und von denen sie getäuscht wird. Kein Wunder, dass man auf dem Cover sieht, wie sie ihren Brautstrauß wegwirft. "Und achten Sie gut auf Ihre Freiheit", ruft ihr Robert alias Rob-Vel dabei vieldeutig zu. (adi)
 
Sweet Tooth 3 Sweet Tooth 3 (Jeff Lemire, Panini 2021, 372 S., HC, Deluxe-Neuausgabe, farbig)
Das Ende ist da. Also einerseits das Ende der Menschheit, die von hybriden Wesen wie dem hirschköpfigen Gus, anfangs Sweet Tooth genannt, als Erdbewohner abgelöst werden. Und andererseits das Ende der Erzählung, das man in diesem dicken und dritten Band erreicht, das Ende einer sehr gut gebauten Abenteuergeschichte, ein Ende, das die Entstehung der rätselhaften Mischwesen erklärt, ein Ende, das dem Ursprung der vom Virus H5-G9 ausgelösten Seuche nachgeht, ein Ende, das für einige Hauptfiguren erfreulich gut, für andere tödlich schlecht ist. Wie in Lemires "Essex County" (drei Bände bei Edition 52) spielt dabei Eishockey eine Rolle. – Der Autor Jeff Lemire kannte 2009 bis 2012, als die Geschichte in 40 Heften bei DC das erste Mal abgedruckt wurde, offenbar die Viren SARS-CoV und H1N1 (Schweinegrippevirus), wie er es den Wissenschaftler Dr. Singh aufzeichnen lässt. Doch gegen das von Lemire erdachte Virus H5-G9 hilft keine Maske, kein Abstand und kein Händewaschen. Dr. Singh und der brutale Milizenführer Abbot suchen mit aller Gewalt nach einem Gegenmittel. Da man beobachtet hat, dass die Hybriden nicht an der Seuche erkranken, werden sie gefangen und zur Suche nach dem Grund für ihre Immunität seziert. Für Gus und seine Begleiter beginnt ein langer Überlebenskampf, für den Leser setzt sich eine packende Geschichte mit heftigen Auseinandersetzungen und vielen Opfern fort, die Gus und seine Mitstreiter zum Ziel ihrer Suche nach der Ursache für ihr Schicksal bringen: Alaska und die Götter. (adi)
 
Tunnel Tunnel (Rutu Modan, Carlsen 2021, 280 S., 2. Auflage, HC, farbig)
Wie in ihrer vorherigen Graphic Novel "Das Erbe" von 2013 kleidet Rutu Modan ein ernstes, ein leidvolles und konfliktbeladenes Thema für Israel, seine Einwohner und uns in eine großartige Erzählung, die man etwas zögerlich als komisch einordnen möchte. Und so schreibt sie auch selbst, dass nach ihrer Erfahrung nichts ausschließlich ernst, ausschließlich traurig oder ausschließlich komisch sei. In der Ausstellung der Werke von Rutu Modan in Angoulême 2019 hieß es unter der Überschrift "un théatre tragi-comique", sie wolle keinen politischen Kommentar abgeben, sondern menschliche Dramen und Konflikte in der israelischen Gesellschaft aufzeigen. Dafür nutze sie mit grotesken und komischen Effekten angereicherte Zeichnungen im Stil der ligne claire, die der Realität genug Raum ließen. In diesem Buch ist es die Realität an der Grenzmauer zum Palästinensergebiet. Wenn sich von der einen Seite ein von religiösem Eifer oder Gier nach Ruhm gepackter archäologischer Suchtrupp in einem Tunnel zu einem für sie allerheiligsten Gegenstand hingräbt und von der anderen Seite her zwei Tunnelbauer einen unterirdischen Weg zum Schmuggeln errichten wollen, dann sollte eine explosive Situation entstehen, wenn die beiden Gruppen da unten in der Erde aufeinandertreffen. Aber in dieser Satire ist das zunächst ganz anders. Erst kommt man miteinander klar. Und dann knallt es doch. (adi)
 
Beate & Serge Klarsfeld - Die Nazijäger Beate & Serge Klarsfeld - Die Nazijäger (Pascal Bresson/Sylvain Dorange, Carlsen 2021, 208 S., HC, farbig)
Eine Ohrfeige für Kurt Georg Kiesinger, rohe Eier für Helmut Kohl, ein roter Farbbeutel gegen Joschka Fischer, wie lassen sich solche demonstrativen Attacken rechtfertigen? Welche Formen des Protests werden wegen ihres symbolischen Charakters gemeinhin akzeptiert, obwohl sie Straftaten sind? Selbstverständlich empfinden wir körperliche Angriffe wie auf Wolfgang Schäuble oder Oskar Lafontaine nicht als demonstrative Handlungen, sondern als Taten von Irrsinnigen. Da herrscht Konsens. Aber eine Ohrfeige? Der erste Teil der nun vorliegenden Biographie der beiden "Nazijäger" schildert nachvollziehbar den Weg, der Beate Klarsfeld bis zu ihrer berühmt gewordenen Kanzlerohrfeige führte. Sie wollte öffentlichkeitswirksam auf die Nazi-Vergangenheit des Bundeskanzlers aufmerksam machen. Doch das ist nur einer der Anfänge des Engagements der Klarsfelds, sich dem Vergessen über die Nazi-Zeit, über ihre entsetzlichen Taten und ihrer Täter in den Weg zu stellen. Es schließen sich intensive Bemühungen an, Nazi-Verbrecher vor Gericht zu bringen. Beate Klarfeld und ihr Mann Serge, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde, versuchen sogar zweimal eine gewaltsame Entführung von Tätern nach Frankreich. Das klingt nach Eigenjustiz. Sie entspringt dem Gefühl von Verzweiflung, angesichts politischer und juristischer Vorgaben ohnmächtig zusehen zu müssen, wie die Täter unbehelligt bleiben. Erst das ausdauernde Sammeln von Dokumenten und Zeugenaussagen und politische Umbrüche führen zu tragfähigen Anklagen, zu Gerichtsverfahren und Verurteilungen, darunter diejenige von Klaus Barbie, dem "Schlächter von Lyon". Die sehr lesenswerte zweite Hälfte des Buches gerät mit seinen detaillierten Angaben zu einem Lehrstück darüber, welche Widerstände zu überwinden und welche Zufälle nötig sind, um Verbrechen gegen die Menschheit aburteilen zu können. (adi)
 
Mehr als 2 Seiten Mehr als 2 Seiten (Mehmet Can/Jamina Diel/Mathis Eckelmann, Campus Rütli 2021, 68 S., Web, zweifarbig)
Joe Saccos Reportage "Palästina" erhält man im klassischen Buchformat, den Comic "Mehr als 2 Seiten" von der Reise von SchülerInnen aus Berlin nach Israel und Palästina liest man in einer PDF-Datei. Aber auf Form, Haptik und Papiergeraschel kommt es letztlich nicht an. Es geht um die Einblicke, die man aus der Ferne von diesem Brennpunkt der gewalttätigen Auseinandersetzungen erhalten kann. Der Bericht von Joe Sacco ist nun schon über zwanzig Jahre alt, derjenige der SchülerInnen stammt von 2019. Ernüchternd, wie wenig sich geändert hat. Joe Sacco treibt die Neugier des Reporters an, er gilt als erster Comicjournalist, Begründer einer Form des Journalismus, die Missstände aufzeigt, wie das zum Beispiel durch die Zeitschrift "La revue dessinée" regelmäßig geschieht. Der klug gemachte Comic der SchülerInnen hat hingegen weniger eine journalistische, als vielmehr eine pädagogische Absicht, Pädagogik, die nicht schlimm ist, die die Dinge von mehr als 2 Seiten Seiten betrachten lässt, nachdenken macht. Das gelingt umso eindringlicher, als die reisenden SchülerInnen selbst aus Syrien, Afghanistan, Palästina und dem Libanon stammen, selbst verschiedenen Religionsgruppen zugehören. Bei mehrals2seiten.de kann man den Comic ganz einfach herunterladen. (adi)
 
Lucky Luke Hommage 4: Wanted Lucky Luke Hommage 4: Wanted (Matthieu Bonhomme, Egmont Ehapa 2021, 68 S., HC, farbig)
Diese Reihe an Hommage-Bänden machte zuletzt von sich reden, als Mawil unseren lonesome Cowboy von Jolly Jumper auf einen Drahtesel umsatteln ließ, ein Hauptspaß, der einige der seit 1946 vertraut gewordenen Teile einer Lucky-Luke-Geschichte aufgreift und in einer humorvollen, weil überraschenden Weise zu etwas Heutigem zusammensetzt. Das macht auch Matthieu Bonhomme, wenn er Lucky Luke als steckbrieflich gesucht einführt, der drei Frauen bei einem Indianerangriff beisteht. Die Erzählung lässt sich bei Bonhomme im Unterschied zur Herangehensweise von Mawil eher wie ein typischer Western an, mit mehr Rindern, weniger Slapstick und mehr Verliebtheit. Der Aufkleber auf dem Cover verrät, dass der hilfsbereite Cowboy in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiert. Da passt es sehr gut, dass man nach dieser langen Zeit in einem Lucky-Luke-Album nicht die immergleichen Figuren und Erzählweisen zu Gesicht bekommt, sondern dass sich Autoren die Freiheit nehmen dürfen, den alten Lucky Luke respektvoll aufzufrischen. (adi)
 
Spirou und Fantasio Spezial 32: Pacific Palace Spirou und Fantasio Spezial 32: Pacific Palace (Christian Durieux, Carlsen 2021, 80 S., SC, farbig)
Ein von der Außenwelt abgeschirmtes Hotel nimmt unter großen Sicherheitsvorkehrungen den Präsidenten der Demokratischen Repubik Karajan auf. Er, Iliex Korda, seine Frau und die Tochter Elena sind die einzigen Gäste. Das Hotelpersonal ist reduziert auf den Chef, einen Koch, ein Zimmermädchen und zwei Hotelpagen: Spirou und Fantasio. Letzterer erfüllt diese Aufgabe nur widerwillig, die blöde rote Pagenkappe und das Kostüm stören ihn. Als er jedoch mitbekommt, dass im Hotel zwischen Korda und der französischen Regierung merkwürdige Verhandlungen zu laufen scheinen, weckt das seine journalistische Begeisterung und er ahnt seine Chance auf einen Knüller. Des Nachts schleichen die beiden durch die leeren Flure. Der Zeichner Christian Durieux lässt die nächtliche Atmosphäre in dem leeren Hotel so in Blautönen erscheinen, dass die hellgrünen Augen Elenas darin strahlen und ihre Wirkung auf Spirou nicht verfehlen. "Es gibt Wahrheit und Wahrheit", deutet sie dem verwirrten Spirou an. – In dieser Albenreihe wechselten sich anfangs Neuinterpretationen mit Altbackenem ab, doch in den letzten Jahren blieb man bei heutigen Autoren wie Émile Bravo, Flix, Sente, Vehlmann, Zidrou und Yann mit ihren neuartigen, ertragreicheren Sichten auf die beiden legendären Hauptfiguren, die seit den 40er-Jahren zusammen durch die Welt abenteuern. (adi)
 
Comic-Biografie 37: Amedeo Modigliani Comic-Biografie 37: Amedeo Modigliani (Willi Blöss, Willi Blöss Verlag 2021, 32 S., Heft, farbig)
Mit dem künstlerischen Werk Modiglianis verbindet sich die Erinnerung an große Akte, langhalsige Frauen und an die drei Steinskulpturen, die man 1984 in Livorno im Kanal fand. Der sich daraus ergebende legendäre Disput unter Kunsthistorikern, ob diese Werke von Modigliani stammten, löste sich lehrreich durch eine Studentengruppe und einen Hobbykünstler in Erstaunen auf. Den Werdegang Modiglianis fasst Willi Blöss in der seit mehr als drei Dutzend Comic-Biografien gewohnt treffenden Weise in Wort und Bild zusammen. Nicht nur als ideales, kleinformatiges Mitbringsel und Souvenir vom Besuch im Museum, sondern auch als Orientierungswerkzeug, das das Wesentliche zum jeweiligen Künstler auf den Punkt bringt, zeichnen sich die Hefte aus. Es sind durchaus mehr Motive als das abgeschnittene Ohr, der gestohlene Schrei, der fettige Stuhl oder schmelzende Uhren, mit deren menschlichen, künstlerischen oder kunsthistorischen Hintergund sich zu beschäftigen lohnt. Anders als es die Buchstabenfülle eines Kunstlexikons oder eines Wikipedia-Artikels vermag, schaffen die comicartigen Hefte dieser Serie durch das gelungene Miteinander von Bild und Text einen attraktiven, durch Quellangaben belegten Zugang zu den KünstlerInnen und deren Epoche. (adi)
 
Bloody Mary Die blutige Marie – Die Geschichte der Mary Tudor (Kristina Gehrmann, Carlsen 2021, 336 S., HC, farbig)
Einer Thekenlegende zufolge ist der Name eines blutfarbenen Cocktails auf die englische Königin Mary Tudor (1516–1558), genannt 'Maria die Blutige', zurückzuführen. Inwieweit sie diesen Beinamen verdient oder ob er "nur" protestantischer Propaganda entspringt, lässt sich in der seitenstarken Biografie nachverfolgen, die Kristina Gehrmann in einem aus "Der Dschungel" und "Im Eisland" bekannten schlichten, sachlichen Stil vorlegt. Dass man in jener Zeit seine politischen und religiösen Gegner durch den Henker beseitigen ließ, mag Mary bei ihrem Vater, Heinrich VIII., abgeschaut haben. Der erhielt jedoch keinen grausigen Beinamen, sondern blieb uns wegen seiner sechs Ehefrauen im Gedächtnis, zwei ließ er hinrichten, zwei annulieren, zwei starben von selbst. Während der Regentschaft Mary Tudors wurden etwa dreihundert Protestanten auf dem Scheiterhaufen öffentlich verbrannt, da Mary ihr England zum Katholizismus zurückzwingen wollte. Sie glaubte, folgen wir der Darstellung von Kristina Gehrmann in diesem Comic, dass es ihre gottgegebene Aufgabe sei, die Fehlgäubigen durchs Feuer zu "läutern", als könne sie gar nicht anders. Eine Kommentierung dieses Irrsinns erfolgt nicht, weder ein Vorwort, noch ein Nachwort, keine Bewertung mit Bezug zum Heute. Fast wird einem die arme, leidende Mary sogar sympathisch, ein Opfer der Zwänge ihrer Zeit, ihres Standes und ihrer Prägung. Wenn aber religiöser Wahn zut Triebfeder des Handelns wird, na dann, gute Nacht, Marie. (adi)


April 2021

Temple of Refuge Temple of Refuge (Sartep Namiq/Felix Mertikat et al., Egmont 2021, 84 S., HC, farbig)
Anhaltende Dürre lässt den Kurden Sartep Namiq aus dem Nordirak flüchten und auf Aufnahme in einer Art Traumland hoffen. Er kommt an eine hohe Mauer mit einem verschlossenen Tor. Und landet dann in einer Flüchtlingsunterkunft auf dem Flughafengelände Berlin-Tempelhof. Die teils bitteren und gewalttätigen, teils ermutigenden Erfahrungen, die er und die anderen Flüchtlinge machen, trägt er zusammen, um allen davon berichten zu können. Felix Mertikat übernahm die Aufgabe, diese Erfahrungen und Wunschbilder in einem Comic ohne Worte aufzuzeichnen, damit das Comiclesen bei niemandem an Sprachproblemen scheitert. Das ist Mertikat in einem leichten, feinen Stil gelungen, der Absicht von Sartep Namiq angemessen heller als in seiner Serie "Steam Noir". Denn Namiq legt seine Erzählung als Utopie an, durch die dank eines Telefonchips letztlich doch ein traumhaftes Land erreicht wird. Felix Mertikat brachte in einer Sendung des SWR das Anliegen der Autoren auf den Punkt: Es ginge in diesem Comic nicht um "Heimat finden", sondern um "Heimat schaffen". (adi)
 
Der große Tote 2: Pauline Der große Tote 2: Pauline (Régis Loisel/Vincent Mallié, Egmont 2021, 64 S., HC, Neuauflage, farbig)
Ob es sich um eine alte keltische Legende handele, fragt Pauline als ihr Erwan von einem "Kleinen Volk" erzählt, das in einer Parallelwelt lebe. Die Vorstellung, es gebe eine Welt neben der uns vertrauten Umgebung, ist Gegenstand vieler Geschichten. Sogleich kommt einem Mecki in den Sinn, der sich durch Hirsebrei ins Schlaraffenland hineinisst. Odysseus ließ Schafsblut in eine Felsenkluft fließen, um Zugang zum Schattenreich zu erhalten. Hans klettert eine Bohnenranke hoch, um das Land in den Wolken mit dem Riesen zu erreichen. Pauline Mercier, eine Hauptfigur dieses Comics, wechselt ins Land des kleinen Volks, indem sie eine geheimnisvolle Tinktur ins Auge geträufelt bekommt, die Tränen der Bienen. Da sie bei der ersten Stippvisite im Land des Kleinen Volks ihre Brille verliert, erzwingt sie einen zweiten Wechsel dorthin, der uns eine spannende Geschichte in acht Bänden mit stimmungsvollen, detailreichen Bildern beschert, mit fein gesetzten Andeutungen, deren Sinn sich nach und nach erschließt. Erwan macht sich in diesem zweiten Band nach seiner Rückkehr aus dem Land des kleinen Volks auf die Suche nach Pauline, die in einem Paris der Arbeitslosigkeit und des sozialen Abstiegs von Wohnung zu Wohnung zieht, um Problemen mit der ihr aufgezwungenen Bürde aus der Parallelwelt auszuweichen. Die Autoren schildern die Abhängigkeit zweier Welten voneinander, in der der drohende Niedergang der einen parallel zur anderen verläuft. Das mag, so hört man, als Parabel für ein auskömmliches Miteinander von Natur und Wirtschaft zu verstehen sein. (adi)
 
Ghost World Ghost World (Daniel Clowes, Reprodukt 2021, 80 S., HC, Neuauflage, zweifarbig)
Der Titel dieser Graphic Novel (und des Films) könnte einen auf die Idee bringen, es ginge in ihm um Erlebnisse in der Welt der Geister. Vielleicht wie bei Oscar Wilde im Spukschloss in Canterville, oder wie bei Larry Hagmann mit seiner bezaubernden Jeannie oder wie bei Goethes Homunculus. Tatsächlich spukt aber nicht ein einziges Gespenst durch diese Erzählung eines holperigen Erwachsenwerdens zweier junger Frauen, jedenfalls nicht im üblichen Sinne. Die letzten Seiten des Comics, die wie vieles anderes im Film fehlen, legen nahe, dass Enid und Becky rückblickend die Zeit nach dem Schulabschluss wie eine Geisterwelt empfinden, in der die beiden auf der Suche nach ihrer Zukunft angeödet herumirrten. Aber der Autor Daniel Clowes klärt auf, dass "Ghost World" nur eine Kritzelei auf einer Hauswand in der Nachbarschaft in Chicago gewesen sei, die er einfach als Titel seines Comics übernommen habe. Das ist enttäuschend für diejenigen, die so lange über den Grund für den Titel sinniert haben. Doch der Autor darf sich natürlich genauso verhalten wie seine beiden Hauptfiguren und sich von spontanen Einfällen leiten lassen. Die Verfilmung stellt wesentliche Teile der Graphic Novel anders und vereinfachend dar. Insbesondere die Unsicherheiten in der Beziehung zueinander und zu Josh werden im Comic vielschichtiger und daher fruchtbarer ausbuchstabiert. (adi)
 
Persepolis Persepolis (Marjane Satrapi, Edition Moderne, 356 S., Klappenbroschur, 7. Auflage, 2021, schwarzweiß)
Aus den seinerzeit einzeln erschienenen Bänden Eine Kindheit im Iran und Jugendjahre ist seit einiger Zeit eine Gesamtausgabe geworden. In Erinnerung an ihre Kindheit und aus der Sicht eines Kindes schildert Marjane Satrapi darin anfangs den Übergang vom Regime des Schah zur Regentschaft der Ayatollahs im Iran. Während sich der Schah mit Gewalt eine Modernisierung und Ausrichtung des Landes nach westlichem Muster auf die Fahnen geschrieben hatte, beschnitt die islamische Revolution 1979 die Rechte der Frauen wieder umfassend und führte unter anderem antike Vorstellungen von der Unterordnung der Ehefrau unter ihren Mann und Kleidungsvorschriften wie die Pflicht zum Tragen des Kopftuchs ein. Als die kleine Marjane, zum Glück einige Jahre vor 1979, ein heiliges Buch schreibt und in der Schule verkündet, sie wolle Prophetin werden, lädt man sie und ihre Eltern vor, eine Szene zum Nachdenken, kindliche Arglosigkeit, die im Kontrast zu den durch die religiösen Fanatiker ausgeübten Gräueltaten steht, wie sie das Kind ab 1979 miterlebte. Satrapi weiß mit ihren einfach wirkenden Zeichnungen, ihrer schlichten, klaren Bild-Sprache überzeugend umzugehen, so dass uns ihre Erzählung glaubwürdig vor Augen kommt, ohne Polemik, ohne Beschönigungen. Marjane Satrapi erinnert durch ihr Buch und durch dessen hochgelobter Filmfassung von 2007 zudem daran, wie sehr man sich vor Verallgemeinerungen hüten sollte. (adi)
 
Monstress 4 Monstress 4 – Die Auserwählte (Marjorie Liu/Sana Takeda, Cross Cult 2019, 144 S., SC, farbig)
In den Werwolfsagen, in Robert Louis Stevensons Erzählung von Dr. Jekyll und Mr. Hyde oder beim unglaublichen Hulk treten zwei Wesen in einem Körper gegeneinander an. Marjorie Liu beschreibt eine Variante eines solchen Schicksals für Maika Halbwolf, die in ihrem Innern ein dämonisches Wesen trägt, einen "alten Gott", der gelegentlich hervorbricht und dessentwegen sie links erst ihren Unterarm und später auch den Oberarm verliert. Eingebettet in ein überwiegend von weiblichen Figuren beherrschtes Fantasygebilde altbekannter Art – verschiedenartige Gruppen aus bösen Göttern, tierförmigen Mischwesen, Hexen und Menschen versuchen sich in einem Land mit Mauer in der Mitte gegenseitig abzuschlachten – hält den Lesenden die Beschreibung des Innenlebens von Maika Halbwolf bei der Stange. Die pengwortreichen Kampfszenen mag man gerne überspringen, man sieht ohnehin nur in etwa, was da genau passiert, aber am Ende ahnt man einen Gewinner und wiegt angesichts der Zeichen- und Kolorierungskünste von Sana Takeda anerkennend den Kopf. Überhaupt geht es bei den Bildern und ihrer Anordnung wohl eher um die Übermittlung von Stimmungen, von düsteren Vorahnungen, der Aura des Geheimnisvollen. Eine klare Linie, ein linearer Erzählfaden, wirklichkeitstümelnde Darstellungen, kontrastreiche Farbgebung, das wäre angesichts des Erzählgegenstands auch geradezu widersinnig. Im vierten Band erfährt die auf einem Einhorn anreitende Maika nach ihrer Gefangennahme und Armoperation von ihrem Vater mehr über den alten Gott in ihr, über ihren sie anekelnden kannibalischen Trieb. Er schlägt ihr vor, sie von ihrem Dämon zu befreien. Zudem solle sie sich in seine Streitkräfte einreihen. Sie lehnt beides ab. Sie will das fremde Wesen in sich behalten. Sie sucht ihren eigenen Weg heraus aus Krieg und Zwängen. Und 2021 erscheint in Deutsch der nächste Band. (adi)
 
Die Lethargie Die Lethargie (Miguelanxo Prado, Carlsen 2021, 108 S., HC, farbig)
Die Auseinandersetzung von diabolischer Absicht mit engelhafter Tugend ist Bestandteil vieler Erzählungen, seien sie von der Art der Ursulalegende oder ein Märchen wie das von Schneewittchen und ihrer neidischen Stiefmutter. In diesem Comic von Miguelanxo Prado streiten die Reinen und die Dämonen um den richtigen Weg. Diese zwei Kasten an Magiern standen den Menschen einst zur Seite, aber angesichts dessen, was die Menschen mit und auf der Erde angerichtet haben, wollen die Dämonen die Menschen beseitigen, die Reinen sie jedoch weiterhin unterstützen. Man einigt sich auf den Pakt der Lethargie, demzufolge alle Magier solange vergraben ausharren wollen, bis die Menschheit "zur Harmonie mit Gaia [Erde] zurückgekehrt" oder von ihr verschwunden sei. Doch der Reine Grian und der Dämon Xaiman werden vorzeitig geweckt. Das mag mit dem Kauf des Waldstückes zusammenhängen, in dem ihre Särge vergraben sind. Eine private Initiative möchte diesen Eichenwald schützen und hat ihn deshalb erworben. Die gute Absicht löst offenbar einen Weckruf aus und schon haben sie den Salat. Geschickt spinnt Prado aus diesen Grundzutaten eine spannende Erzählung, in der brave DoktorandInnen, miese und gute Professoren, ein aristokratischer Wirrkopf, ein Antiquar und Kriminelle mit den Vertretern aus der alten magischen Welt um die Zukunft ringen. Zeichnerisch gelingen Prado durch feine Federstriche sehr besondere mimische Ausdrücke, nicht der Natur abgeguckt, sondern dem Wesen. Prado stellt den Dämonen Xamain nicht einfach als Bild des Bösen dar, sondern nimmt sich den Raum, dessen Motive deutlich werden zu lassen. Man könnte seinen Klagen zustimmen. So mag man sich der Haltung von Xamain sogar anschließen, wenn er die Menschen als Makaken bezeichnet. (adi)


Comic-Lektüre 2019/2020/2021

Skizzen einer Revolution Skizzen einer Revolution (Christopher Tauber, Zwerchfell 2021, 56 S., HC, farbig)
Zum Entstehen und der Arbeit der 1848 zusammengetretenen Frankfurter Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche wurde tatsächlich bereits 1848 mit "Thaten und Meinungen des Herrn Piepmeyer" ein früher Comic veröffentlicht. Damals textete Johann Hermann Detmold und zeichnete Adolf Schrödter einen beißenden Kommentar zum Verhalten eines Abgeordneten, der sein Mäntelchen nach dem Wind hängt. Im 1998 erschienenen Comic "Des Volkes Freiheit" von Joseph Béhé, Roland Peter et al. ließ sich das Geschehen der Revolutionsjahre 1848/49 in Baden und Württemberg verfolgen. 2019 beschrieb Simon Schwartz in "Das Parlament" unter anderem das Leben Robert Blums, eines demokratischen Politikers des Frankfurter Parlaments, der im November 1848 in Wien trotz Abgeordnetenimmunität hingerichtet wurde. Es ist die Zeit, in der viele die alte Ordnung mit ihren Fürsten und Königen durch eine Republik des ganzen deutschen Volkes ersetzen wollten. In "Skizzen einer Revolution" wählen Christopher Tauber und Annelie Wagner einen sorgsam recherchierten Hintergrund, um dem Lesenden einen eingängigen Einblick in jene umwälzenden Zeiten der Demokratiebewegung zu bieten. Die Autoren bringen uns die Geschehnisse rund um die Frankfurter Nationalversammlung nahe, indem sie die (fiktive) Geschichte der jungen Frau Vera erzählen, die sich in jenen Tagen politisch zu orientieren beginnt, was ihr Elternhaus zu unterdrücken versucht: "Politik ist Männersache und deine Exkurse in diese Gefilde haben hiermit ein Ende", befiehlt der Vater. Vera erlebt das Gefühl, untergeordnet, unfrei, in die traditionelle Frauenrolle gedrängt zu sein. Zum Glück gibt es da noch ihre Mutter. (adi)
 
Schattenspringer 3 Schattenspringer 3 (Daniela Schreiter, Panini 2020, 2. Auflage, 160 S., HC, farbig)
Als gewöhnlicher Lehramtsstudierender erhält man zwar Seminar-Angebote wie "Die Psychopathologien des Lehrerberufs", um sich selbst besser beobachten und einschätzen zu können, aber über das, was in den SchülerInnen so alles vorgehen könnte, das lehrt den Lehrenden häufig erst der spätere schulische Alltag. Als LehrerIn weiß man zu verstehen, warum es einen nach dem Unterricht erst einmal eine Stunde aufs Sofa haut ("Pädagogenschlaf"), aber aus welchen Gründen autistische SchülerInnen solche Ruhepausen dringend benötigen, das erfährt man nur mit Glück bei einer Fortbildung oder dank den "Schattenspringer"-Büchern von Daniela Schreiter. Schon seit Langem erhält der/die LehrerIn ein Informationsblatt und eine Einweisung in gegebenenfalls zu ergreifende Maßnahmen, wenn Diabetiker-Kinder in der Klasse sind oder Kinder mit einem Cochea-Implantat. Doch für den Umgang mit autistischen Kindern wird mehr als das benötigt. So werden hier seit den 2010er-Jahren jeweils eigene Dienstbesprechungen zu jedem einzelnen Fall durchgeführt, da sich die Besonderheiten der autistischen SchülerInnen jeweils voneinander unterscheiden ("autistisches Spektrum"). Warum findet der Schüler seinen Klassenraum nicht wieder? Wieso trägt sie nie zur Hausaufgabenbesprechung bei, obwohl sie in ihrem Heft alles richtig stehen hat? Warum will er immer auf demselben Platz sitzen und hasst Gruppenarbeit? Insbesondere der dritte "Schattenspringer"-Band klärt viele solcher Fragen und ist auch gleich passend mit "Spektralfarben" überschrieben. Er gehört in jede Schulbibliothek. (adi)
 
Bella Ciao (uno) Bella Ciao (uno) (Baru, Edition 52 2021, 136 S., HC, farbig)
Baru, geboren 1947, berichtet aus seiner eigenen Verwandt- und Bekanntschaft und gibt damit einen authentischen Einblick in das Leben italienischer Wanderarbeiter und Migranten Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts. An den Beginn des Buches stellt er die Ereignisse vom 17. August 1893 in den Salinen von Aigues-Mortes, bei denen um die zehn italienische Arbeiter von einem blindwütigen, fremdenfeindlichen Mob ermordet wurden. Baru (d.i. Hervé Barulea) ist selbst Sohn eines italienischen Einwanderers, der in Lothringen Lohn und Brot fand. Wenn er für den zweiten Abschnitt seines Buches die Diskussion um den Ursprung des Liedes "Bella Ciao" wählt, dann greift er damit die Beobachtung auf, dass dieses Lied unter Italienern im Ausland gerne gesungen wird, als verbindende Klammer, nahezu fröhlich, der ursprünglichen Gefühlswelt der Arbeiterinnen im Reisfeld zuwider. In der Version von Hannes Wader wird "die Blume des Partisanen, der für unsere Freiheit starb" besungen, womit das Lied wie so oft als Partisanenlied eingeordnet wird, was es womöglich gar nicht war. Aber das interessiere nur "Eierköpfe", lässt Baru den Antonio feststellen. Was zähle, das seien die "Millionen Leute, für die Bella Ciao ein Lied des Widerstands ist und bleibt". Auch die weiteren Episoden des Buches zeigen, dass ein Nachdenken über und Erinnern an Vergangenes lohnt. – Notabene: Ein Comic mit demselben Titel Bella Ciao erschien bei uns 2017, geht auf das Lied nicht ein und hieß im italienischen Original korrekt '45. (adi)
 
Die Unheimlichen 7: Frankenstein Die Unheimlichen 7: Frankenstein (Ralf König, Carlsen 2020, 64 S., HC, schwarzweiß)
Es ist Absicht der von Isabel Kreitz herausgegebenen, kleinformatigen Buchreihe, klassische Gruselgeschichten in neuer Weise zu erzählen. Bereits acht ComiczeichnerInnen haben sich dafür an die Arbeit gemacht, darunter Barbara Yelin, Nicolas Mahler, Olivia Vieweg und nun tatsächlich auch Ralf König. Er lässt einen jungen Arzt einen Brief an Mary Shelley schreiben, der Autorin von "Frankenstein", und teilt ihr darin seine eigenen Erfahrungen mit dem Wiederbeleben von Toten mit. Sein "Seelenloch sei grabestief" erklärt er und dass die Toten tot seien (und übel röchen). König schafft durch seine treffliche Wortwahl, den gruselig-nüchtern dozierenden Medizinprofessor, seine Zeichnungen, seine pointierten Sticheleien einen feinen neuen König. (adi)
 
Engels Engels (Christoph Heuer/Fabian W. W. Mauruschat/Uwe Garske, Edition 52 2020, 154 S., SC, schwarzweiß)
Bei der Wiedergabe von Facetten des Lebenswegs von Friedrich Engels werden dessen auf den ersten Blick sich widersprechende Rollen schon im Untertitel "Unternehmer & Revolutionär" des Buches deutlich. Als man an den 200. Geburtstag des in Wuppertal-Barmen am 28. November 2020 geborenen Gesellschaftstheoretikers und Empirikers erinnern wollte, erschien von Stadt und Land unterstützt dieser Comic und wie zur gegenseitigen Ergänzung auch der Dokumentarfilm "Friedrich Engels – Der Unterschätzte". Dieser Titel verweist also zudem darauf, dass man seinen beiden Rollen in der Regel nicht die ihnen zukommende Bedeutung beimesse. Wegen seiner Zusammenarbeit mit und Unterstützung von Karl Marx und insbesondere wegen seiner Arbeit an der Herausgabe des zweiten und dritten Teils des "Kapitals" stehe ihm mehr an Aufmerksamkeit zu. An die biographischen Szenen und die Einblicke in die damalige Fabrikarbeit und ins kommunistische Manifest schließt ein Epilog an, der aufzeigt, wo und dass auch heute noch Menschen unter Ausbeutung zu leiden haben. (adi)
 
Vatermilch 1: Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss Vatermilch 1: Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss (Uli Oesterle, Carlsen 2020, 128 S., HC, mehrfarbig)
Schon das Cover führt in die Welt des Vaters ein, um den sich diese eindrückliche grafische Erzählung bewegt. Im Wald steht einsam ein trinkender Mann an einem Sportwagen mit der Werbeaufschrift einer Firma für Sonnenschutz. Haarschnitt und Kleidung des Mannes verweisen auf die Siebziger des vergangenen Jahrhunderts. Es geht um einen Vater, der deutlich mehr an seinen eigenen Bedürfnissen, als an seiner Familie interessiert ist. Ein tragisches Ereignis, ein Rauswurf und der Alkohol tragen ihn völlig aus der Kurve. Uli Oesterle bildet seine eigene Kindheit und Jugend ab, eine Zeit mit einer Vaterfigur, von der zu fürchten ist, dass das eigene Verhalten sich von ihm ableitet, wie mit der Vatermilch eingesogen. Oesterle reflektiert und Victor reißt sich am Riemen. Diese Erzählung mit autobiographischen Zügen ist auf vier Bände angelegt. (adi)
 
Geheimnis der Zeit Geheimnis der Zeit (Frits Jonker/Eric Heuvel, Kult Comics 2019, 200 S., HC, farbig)
Die Phantasien über Zeitreisen, Zeitportale, Sternentore, Wurmlöcher, Teleportationen, Astralreisen, Sprünge in Paralleluniversen oder wie auch immer die Möglichkeiten in unserem Raumzeitkontinuum bezeichnet werden, mit denen Personen und Gegenstände unverzüglich ihren Ort oder ihre Zeit wechseln können, geistern seit Langem durch Erzählungen in Buch, Film und Comic. Davon leben zum Beispiel die Geschichten der Abrafaxe, von Max & Luzie, von Perry Rhodan bis hin zu Dr. Who und den Stargate-, Star-Trek- und ungezählten SciFi-Filmen. Frits Jonker ließ sich für sein Szenario des vierbändigen Comics "Geheimnis der Zeit" von einer ganzen Reihe solcher Raumzeitideen inspirieren, die im Vorwort dieses Gesamtbandes vorgestellt werden. Jonkers nennt dort die Vorstellung von der ewigen Wiederkehr, wie wir sie auch in "Samsara" vorfinden, er verweist auf die Vorstellungen zu den Dimensionen unserer Welt von Terence McKenna, deutet auf die Möglichkeit einer digitalen Simulation wie in "Die Matrix" hin und stellt einen zentralen Gegenstand vom "Geheimis der Zeit" vor: den Ouroboros. Dieses Symbol stellt eine Schlange dar, die sich selbst in den Schwanz beißt (oder sich aus sich selbst heraus gebiert oder verlängert). Sabina Tromp, die im Jahr 2004 in der IT-Redaktion eines Verlags arbeitet, erhält von Anton van der Werft, einem reichen Unternehmer, einen Armreif, der genau die Form eines Ouroboros hat. Was es mit diesem Armreif bezüglich von Raumzeitportalen auf sich hat, das erfährt Sabina erst später. Zunächst ist sie skeptisch und erfährt von dem Ziel, dass man einen Rabbi, Simon Weissenbuch, der 1943 in Dresden ermordet wurde, retten will. Weissenbuch soll mit seinen Kenntnissen der Thora die Grundlagen zur modernen Computertechnologie gelegt, zum Knacken des Enigma-Code und zur Entwicklung der Atombombe beigetragen haben. Sabina zweifelt an diesen Behauptungen nicht, als IT-Expertin scheint sie von Babbage, Zuse, Turing noch nicht gehört zu haben, sondern sie lässt sich nach und nach in das von Eric Heuvel bestens in ligne claire gezeichnete Abenteuer ein. (adi)
 
Woyzeck Woyzeck (Andreas Eickenroth, Edition 52 2019, 64 S., HC, farbig)
Für das bekannte soziale Drama von Georg Büchner hat Andreas Eickenroth eine Form gefunden, die man als Abfolge von Simultanbildern beschreiben kann. Der gewundene Weg, auf dem sich der Soldat Woyzeck auf jeder Seite durch die Erzählung bewegt, liest sich wie ein Abbild der Wechselfälle seines Leids, sei es durch die vom Arzt verordnete Erbsendiät, sei es durch die Sorge um seine Marie. Die Abbildungen auf Cover und Backcover verweisen auf diese beiden Qualen. Die ARD stellte Andreas Eickenroth und seinen Woyzeck zwei Wochen nach seinen Signierstunden beim Comifestival München in der Hessenschau vor. Mit dem Zitat "Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.", beginnt Eickenroth seinen Beitrag und schildert den Aufwand, den er auf sich nahm, um unterschiedliche Versionen und die überlieferten Büchnerschen Handschriften zu einem für ihn schlüssigen "Woyzeck"-Drama zusammenzuführen. Die anderthalb Jahre Arbeit für den Comic haben sich gelohnt. (adi)
 
Evropa Evropa (Tomaž Lavrič, comicplus+ 2020, 160 S., HC, farbig)
"Ich wollte ein neues Leben anfangen. Aber hier ist es genauso wie zu Hause", stellt der junge Serbe Žile für sich fest, als er 1999 im westlichen Europa ankommt. Stark belastet durch seine Kriegserlebnisse, seine anschließende kriminelle Vergangenheit und letztlich nach dem Mord an einem Polizisten flüchtet Žile zu seinem Onkel Mile nach Dortmund. Doch der ist selbst schwer kriminell, lebt mit seinen Handlangern von Prostitution und Drogenhandel. Kein Wunder, dass der Traum Žiles von seinem Europa platzt, das er mit einem Leben in Frieden und Wohlstand gleichsetzt. Sein Begleiter "Dicker" fasst zusammen: "Dies ist ihr Europa, nicht das unsere." Dass die in dem dreiteiligen Comic gezeigte Gewalt, Gewaltbereitschaft und die Haltung gegenüber Frauen in Europa selbstredend nicht das tägliche Leben bestimmen, dringt zu Žile nicht durch. An manchen Stellen mag man Mitleid mit ihm haben und Verständnis für sein Verhalten entwickeln. Aber als "Kampfhund" und "geborener Aufreißer", wie er sich selbst bezeichnet, darf er Europa nicht sympathisch sein. Der mitfühlende Leser befindet sich in der Zwickmühle. (adi)
 
Die Haie von Lagos 6: Jackpot Die Haie von Lagos 6: Jackpot (Matthias Schultheiss, Splitter 2020, 64 S., HC, farbig)
Lambert, dieser von Dämonen getriebene, brutale, einäugige Pirat, ist auf dem Weg in die Hölle. Er foltert, skalpiert, erschießt, wie es ihm in den Sinn kommt. Seit seine Geliebte, Sarah, im Sturm über Bord ging, eine Möwe sein Auge auspickte, ein Hai von ihm erstochen und auf der Suche nach der Seele durchwühlt wurde, nimmt die Geschichte wieder die Richtung auf, die schon in den ersten drei Bänden des ersten Zyklus dafür sorgte, dass man sie wie in einem Atemzug liest, angewidert und vom Plot gefesselt zugleich. Es kann in diesem sechsten und letzten Band der Serie eigentlich nur so ausgehen, dass Lambert als Hundefutter endet. Aber da hat man die Rechnung ohne Matthias Schultheiß gemacht. Der denkt sich das ganz anders. (adi)
 
Rocco Vargas Jupiter Rocco Vargas Jupiter (Daniel Torres, Edition 52 2019, 80 S., HC, farbig)
Die Geschichte des Sonnensystems und Ereignisse auf dem Jupiter auf vielen plakatreifen Seiten, so beginnt eine verglichen mit den Anfängen der Serie ökophantastische Rocco-Vargas-Erzählung, eine zunächst nahezu wortlose Schau auf ein zweifelsohne alternatives Sonnensystem, in welchem die Gravitation und Zusammensetzung von Gasriesen wie dem Jupiter kein Hindernis mehr ist, in welchem interplanetare Reisezeiten dank neuer Treibstoffe schrumpfen, wo zahlreiche nichtmenschliche Lebensformen existieren. Rocco Vargas träumt. Er liegt nach dem Angriff durch eine Eliorob-Truppe auf die Biomec-Roboterwesen noch immer im Koma. Er träumt vielleicht. Ein grünes Mädchen packt ihn und entreißt ihn in einer Aquasphäre der Gefahr. Ist das Mädchen eines der angeblich primitiven Wesen aus den Tiefen der Jupiterwälder? Vargas wacht auf. – Ging es in den zurückliegenden Erzählungen oft um Roboter und die Asimovschen Robotergesetze, so spricht aus Daniel Torres' Erzählung nun ein Engagement für uns fremdartige und dennoch natürliche Welten. Und durch den Aufenthalt im Tiefen Grün des Jupiter könnte Rocco Vargas den Weg in eine friedvolle Zukunft sehen, oder träumen. (adi)
 
Weites Land Weites Land (Catherine Meurisse, Carlsen 2019, 96 S., HC, farbig)
"Die Natur und die Kunst – das, was allen Widrigkeiten zum Trotz wächst und gedeiht – weisen den Weg zum Glück". Was sich zunächst wie ein Spruch von einem Lebenshilfekalender anhört, das steht nicht nur auf der Rückseite dieses Buches, sondern erhält durch dessen Inhalt Hand und Fuß. Die Autorin beschreibt, wie sie die Einflüsse aus einer Kindheit auf dem Lande und aus ihrem belesenen, anregenden und engagierten Elternhaus aufnimmt, die ihr ein weites Land öffnen. Das Buch ist ein Plädoyer für eine vielfältige Natur. Ein Ausflug ins Louvre in Paris bedeutet für die Erzählerin und ihre Schwester eine Bereicherung ganz ohne die für jugendliche Besucher typischen Momente der Langeweile. Catherine Meurisse erzählt mit einem schlagfertigen Humor, der die Kritik am heutigen landwirtschaftlichen und dörflichen Umfeld nicht mindert. Und dass sich Madame Butterfly beim Gesang in der Provinz an einem Butterfly verschluckt, ist ein grandioser Einfall der Natur. – Catherine Meurisse wurde 2020 als erste Comiczeichnerin in die Académie des Beaux-Arts, section de peinture, gewählt. (adi)
 
Der Tod in Venedig Der Tod in Venedig (Susanne Kuhlendahl, Knesebeck 2019, 96 S., HC, farbig)
Wenn er da geschminkt wie ein verblühender, alter Geck in seinem Strandstuhl sitzt, der Herr von Aschenbach, dann hat er sich von einem pflichtbeflissenen, feinen Herrn in einen bedauernswerten Mann gewandelt, der einer Liebe nachhängt, die ihn einige Schritte zu weit ausgefüllt und verändert hat. So mag unsere Sicht der Dinge sein. Doch für Aschenbach bedeutet es, sich endlich einmal frei dem Schönen ganz hinzugeben, eine Entklemmung, falls es das Wort schon gibt. – Susanne Kuhlendahl wählt für ihre Comic-Adaption der berühmten Novelle Thomas Manns in ihrer Grafik einerseits die Einfassung der Figuren in einen dickeren, immer wieder unterbrochenen Konturstrich und andererseits das Einfangen der Stimmung Venedigs durch einen wasserfarbenen Hintergrund. Damit wird sie dem Gehalt der Vorlage sehr gerecht. (adi)
 
Sandmann Mikolajczak Piotrowski Sandmann (Michael Mikolajczak/Jacek Piotrowski, Kult Comics 2019, 160 S., HC, schwarzweiß)
Nathanael hat schon immer Angst vor Coppelius gehabt, dem alten Herrn, der im gleichen Haus wohnt. Er erkennt in ihm den furchtbaren Sandmann, den Schrecken seiner Kindheit. Er ist ihm immer ausgewichen, hat ihn nie anschauen mögen, nichts berührt, was dieser berührt hat. Wenn der Sandmann nur bloß nicht seine geliebte Olimpia anfasst! – Wer in diesem erstaunlichen Buch eine Wiedergabe der ersten Geschichte von Hoffmanns Erzählungen erwartet, der wird überrascht sein, mit welchen Ideen die Autoren den alten Text aufgemöbelt und grafisch aufbereitet haben. Da Olimpia von Hoffmann als puppenhaft beschrieben wird, liegt es nahe, diesen Automaten im Comic als Schaufensterpuppe abzubilden. Der Wechsel der Erzählperspektive, einmal mit Blick auf Nathanael, dann wieder auf Coppelius, erlaubt es, der letztlichen Wahrheit Stück für Stück näher zu kommen. Ist Coppelius nun ein zu bemitleidender alter Mann, der seinen altersbedingten Verfall bedauert, oder hat er als Sandmann doch Schuld daran, dass Nathanael in den Wahnsinn getrieben wird? Wir haben die Wahl. (adi)
 
Jamiri: Gödel, Escher, Gott Jamiri: Gödel, Escher, Gott (Jamiri, Edition 52 2019, 56 S., HC, farbig)
Dasjenige seitenstarke Buch, von dem es heißt, dass es heutige Intellektuelle, die etwas auf sich halten, alle im Regal stehen hätten, ohne es je gelesen zu haben, trägt den Titel "Gödel, Escher, Bach". Demgegenüber ist Jamiris "Gödel, Escher, Gott" in attraktive, angenehm kleine, humorvolle Happen aufgeteilt. Und um Gödel und Escher geht es dabei auch. Und Jamiri trifft sogar auf seinen Gott, der ihm sehr irdisch erscheint, aber immerhin mit einem unumstößlichen Gottesbeweis. Jamiri sinniert über Mandelsbrots Fraktale, über den letzten Satz von Fermat, über Eschers Anfang und Ende, dass es eine Freude ist. Es ist gut, dass durch diese konzentrierte Zusammenstellung von Jamiris Gedanken wieder etwas Uni-Gefühl in den Alltag kommt. (adi)
 
München 1945 5: Kriegskinder München 1945 5: Kriegskinder (Sabrina Schmatz, Schwarzer Turm 2019, 68 S., SC, schwarzweiß)
Im April 1945 erreichen die Truppen der 7. US-Armee München. Nach mehr als 70 Luftangriffen ist die Stadt großteils zerstört. Die Münchner beginnen nach und nach, sich mit den kargen, neuen Lebensumständen abzufinden und zu den US-Soldaten Kontakt aufzunehmen. Denen ist jedoch befohlen, mit der Bevölkerung nicht zu fraternisieren, woran sich der Soldat Daniel nicht halten mag. Sabrina Schmatz vermittelt durch ihre Erzählung von einer Liebe zwischen einem US-Sanitäter, Daniel, und einer Münchner Krankenschwester, Konstanze, die Botschaft, dass es auf beiden Seiten klischeehafte Vorstellungen vom jeweils anderen gab: nicht alle waren Nazis, nicht alle sind gutherzige Befreier, nicht alle waren kleinmütige Mitläufer, nicht alle respektvolle Helden, aber es gibt von allem doch so einige. Der fünfte Band beginnt mit Konstanzes Entnazifizierung. Dazu ist ein Fragebogen auszufüllen, der an das Formular erinnert, in dem man bei der Einreise in die USA einträgt, ob man Terrorist sei. (adi)
 


 
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